Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 8 (August 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-08-01
- Page
- 416 (sequence 5)
- Language
- German
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416 3m deutschen Reich. daß auf den Einfluß und die Opferfreudig!ei1 der liberalen Parteien nicht mehr mit Bestimmtheit gerechnet werden kann. Daß von Fall zu Fall diejenigen politischen Kreise, die in jedem Versuch zur Entrechtung der deutschen Juden mit Recht den Beginn einer ganzen Reihe anderer Ausnahmegesetze erblicken müssen, uns künftig wirksameren Beistand leihen werden, ist zu hoffen. Trotzdem scheint es angezeigt, jetzt ernstlich vor einem Optimismus zu warnen, der für die deutschen Juden sehr verhängnißvoll werden könnte. Es ist gewiß herzerfreuend, zu vernehmen, daß der G r o ß h',e r z o g von Baden in der Audienz, die er in St. Moritz Herrn Dr. Berliner gewährte, mit Anerkennung von den Juden in Deutschland gesprochen, die Unterdrückung der Juden in den Ländern des europäischen Ostens beklagt, das „Treiben der Antisemiten" mit Schärfe verurtheilt und die Erwartung ausgedrückt hat, daß die antisemitische Bewegung nicht mehr schaden und bald verschwinden werde. Aber in fast derselben hochherzigen Weise hat sich einst die Großherzogin von Baden tröstend dem Dichter Berthold Auerbach gegenüber ausgesprochen, und die antisemitische Bewegung ist doch seitdem nicht verschwunden und hat auch in Baden manches Unheil angerichtet. (Die neuerdings von der antisemitischen Presse dem Großherzog zugeschriebene Aeußerung: „Die Antisemiten haben doch wohl nicht so Unrecht, wie immer behauptet wird" dürfte kaum authentisch sein.) Daß der G r o ß - Herzog von Hessen sich wiederholt gegen die Zurücksetzung der Juden ausgesprochen hat, verhinderte den hessischen Justizminister nicht einem jüdischen Gerichtsassefsor die Bitte um Anstellung als — Hülfsgerichtsschreiber mit der Begründung abzuschlagen, daß der antisemitische Theil der Bevölkerung an der Anstellung eines Juden Anstoß nehmen würde. Diese zarte Rücksichtnahme ist' um so bemerkenswerther, als es selbst im Eldorado der Antisemiten, im Königreich Sachsen, einzelne jüdische Richter giebt. Die Hauptsache ist, daß die deutschen Juden sich selbst treu bleiben und stets und überall den festen Entschluß bekunden, ihre Rechte zu vertheidigen, dieselben, soweit sie bis jetzt nur auf dem Papier stehen, zu erstreben und lieber unterzugehen, als sich zu Bürgern zweiter Klasse, zu Heloten, erniedrigen zu lassen. Das sind wir unserer Ehre schuldig, und nur eine solche männliche Gesinnung verbürgt unsere Zukunft und diejenige unserer Kinder! Daß ein Situationswechsel sich vollzieht, scheint unverkennbar; zeigen wir deutschen Juden jetzt, daß der große Moment kein kleines Geschlecht findet! Lassen wir uns selbst nicht davon täuschen, wenn die gegnerische Presse den Niedergang der antisemitischen Partei, der