Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 8 (August 1899)
- Article
- Antisemitismus in der Wissenschaft
- Date
- 1899-08-01
- Page
- 404 (sequence 2)
- Language
- German
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404 Im deutschen Reich. Straße verdrängt, schlägt die geistige Epidemie in der Arbeitsstube des stillen Gelehrten ihre Heimstätte auf, und, bemerkenswerth genug, das Werkzeug, welches dem berufsmäßigen Agitator nicht mehr gut genug ist für seine demagogische Verhetzung der Masten, erfreut sich der Beachtung des Mannes, welchem doch der Dienst der Wahrheit über alles gehen sollte. Der Antisemitismus hat leider, dies kann nicht geleugnet werden, im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte Eingang in die Wissenschaft gefunden und zwar nicht etwa nur bei Männern, die man als wissenschaftliche Handlanger und Novizen bezeichnen könnte, sondern bei berufenen Adepten, deren Stimme weithin gehört wird. Vor allem sind es die ethischen und historischen Disziplinen, in welchen die antisemitische Doktrin — wenn man von einer solchen überhaupt sprechen darf — Vertretung fand; aber auch den exakten Disziplinen ist dies nicht erspart geblieben. Haben wir es doch erleben müssen, daß Biologen und Anthropologen gewisse Aeußerlichkeiten der Körperbildung bei den Juden zum Anlaß nahmen, um darauf gestützt die Behauptung von der physischen Inferiorität der semitischen Rasse aufzustellen und mit wissenschaftlichen Gründen zu unterstützen. An sich ist das nicht neu; als der Kampf in der großen transoceanischen Republik zwischen den Anhängern und Feinden der Sklaven-Emanzipation wogte, gab es im Dienste der Südstaaten stehende Gelehrte, welche au» der Körperbildung der Schwarzen den Schluß zogen, daß die« selben eine zwischen dem Thier und dem Menschen stehende Zwischenbildung darstellten, die schon dieserhalb der Freiheit nicht würdig sei, und wir haben es ja nach der Wiedererrichtung des Reichs erleben müssen, daß bedeutende französische Gelehrte unter dem Banne des fanatisierten Chauvinismus von einer teutonischen Rasse fabulierten und deren Minderwerthigkeit nachzuweisen sich bemühten; ich erinnere nur an die Leistungen des Herrn äs HuntrstaZss in dieser Hinsicht. Wir haben es also bei der analogen Erscheinung auf antisemitischem Gebiete mit einem Vorgang zu thun, der sich überall wiederholt, wo man einer unterdrückten Minderheit die ihr zukommende Gleichberechtigung versagt oder wieder entziehen will. Die Wissenschaft wird eben in den Dienst der Parteiungen gestellt und den politischen und wirthschaftlichen Jnteressenkämpfen botmäßig gemacht. Wie soeben bemerkt