Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 8 (August 1899)
- Article
- Antisemitismus in der Wissenschaft
- Date
- 1899-08-01
- Page
- 403 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316658-2324436--05589-2324545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
403 Antisemitismus in der Wissenschaft. HMHit den Gesetzen, auf welchen die Entstehung, Entwickelung und Verbreitung der geistigen Epidemien beruht, hat sich die Gesellschaftswisienschaft bisher im Verhältniß nur wenig beschäftigt; dies ist jedoch nicht sowohl darauf zurückzuführen, daß es an solchen Epidemien bislang gefehlt hätte, als vielmehr auf die Jugend der Völkerpsychologie. Ist es doch erst der zweiten Hälfte dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts beschieden gewesen, die Wissenschaft vom Leben der Volksseele zur Ausbildung zu bringen, vor allem Dank der ausgezeichneten Thätigkeit zweier jüdischer Gelehrten, H. S t e i n t h a l und M. Lazarus. Diese Jugend der Völkerpsychologie macht es erklärlich, daß uns die Gesetze der Pathologie der Volksseele noch nicht in allen Theilen bekannt sind, jedenfalls noch nicht in dem Maße wie diejenigen der Pathologie der Einzelseele. Und doch ist nicht zu bezweifeln, daß solche Gesetze existieren, Gesetze nicht im Sinne der Mathematik, sondern soziale, historische Gesetze, deren Richtigkeit keine absolute, sondern nur eine relative ist. Wenn uns erst die Wissenschaft die Erkenntniß derselben ermöglicht, dann werden wir auch bezüglich zahlreicher Vorgänge auf dem Gebiete der antisemitischen Bewegung weit klarer sehen als dies jetzt der Fall ist, dann wird uns insbesondere der ursächliche Zusammenhang zwischen derselben und gewissen krankhaften Zuckungen des Volkskörpers und der Volksseele mit vollkommener Präzision erkennbar sein. Zu den Ergebnissen, welche die vorangeschrittenere Wissenschaft aufstellen wird, gehört unzweifelhaft die Thatsache, daß die geistigen Epidemien auch die Sphäre der wissenschaftlichen Forschung beeinflußen, ja, daß sie dann sich der Wissenschaft zu bemächtigen wissen, wenn ihre sonstige Kraft bereits abgeschwächt ist. Von der