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Im deutschen Reich · 1899-08-01 · Heft 8 (August 1899) · p. 394

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 8 (August 1899)
Article
Die Jahresberichte
Date
1899-08-01
Page
394 (sequence 6)
Language
German
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394 3m veuriqe» «e«q. Schneckenhause saßen, nur ab und zu ein Fühlhorn in die Außenwelt streckend. Die christlichen Männer der Wissenschaft aber betrachteten das ganze Judenthum als einen Anachronismus, den sie vergeblich zu begreifen strebten. Israel war ja längst gestorben und vom Christenthum beerbt worden; — und nun regte sich die Mumie noch und konnte sogar sprechen und schreiben! Selbst der jugendliche Goethe in seiner Schilderung des Eindrucks, den die Frankfurter Gaffe auf ihn gemacht, steht ganz unter dem Zeichen der Verwunderung. Die Legende hat einmal aus seiner Jugendgeliebten, dem Gleichen, eine Jüdin gemacht, ein „Gleichen Oppenheim". Dies ist zwar längst widerlegt; aber Legenden haben oft ein zäheres Leben als geschichtlich beglaubigte Thatsachen. Nachdem die französische Revolution die Ghettos gesprengt und das Judenthum von dem Faustischen Geiste der modernen Zeit neue fruchtbare Gedanken ausgenommen, brach eine andere Auffaffung durch, auf die^ ich schon im Eingang hingedeutet. „Als Volksgenoffen Deutsche, als Glaubensbrüder Juden", so lautete das neue Ideal. In seiner Entwickelung wurde zuerst das Wort gehört „Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens". Gewiß hat dies auch heute noch seine volle Bedeutung; aber es ist eine politische Formel geworden, unter der man die auf dem Papiere errungene Gleichberechtigung weiter zu erkämpfen hat; es ist aber nicht mehr das letzte Wort einer wiffenschaftlichen Erkenntniß. Die Forschung muß weiter vorwärts schreiten; sie kann sich nicht dabei beruhigen, zu registrieren, daß eine gewiffe Anzahl von Individuen gleichzeitig Deutsche und Juden sind, sondern sie muß eruieren, wie diese Verbindung entstanden ist und wie sie sich weiterentwickelt. Man kann eine menschliche Seele nicht so in zwei Th eile zerschneiden, daß aus der einen Seite die Religion, auf der andern die Nationalität steht. Die beiden Hälften bilden ein untheilbares Ganze und müssen sich nothwendiger Weise gegenseitig beeinflußen. Das Judenthum in uns steht unter dem Einfluß unseres Deutschthums und das Deutschthum in ,uns unter dem unserer Abstammung. Welcher Einfluß der stärkere ist, das ist nicht so leicht zu entscheiden, die Thermometer und Zollstöcke für solche Untersuchungen sind noch nicht erfunden. Aber wie man' dazu gelangt, Dinge zu wägen, die, wie die Luftarten, unseren Vorfahren als ewichtlos erschienen, so wird man auch einmal dahin gelangen,

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