Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 8 (August 1899)
- Article
- Die Jahresberichte
- Date
- 1899-08-01
- Page
- 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Jahresberichte. 895 für die geistigen Strömungen, die für uns heut noch Imponderabilien sind, exakte Formeln zu finden. Bei dem Suchen nach Mitteln hierfür hat man nun schon zwei wichtige Bemerkungen gemacht: einmal, daß man die geistigen Strömungen bequemer an ganzen Volksgruppen studieren kann, als an einzelnen Individuen, und zweitens, daß ein besonders gut geeigneter Weg, eine solche Volksgruppe zu studieren, darin besteht, eine Sammlung der von ihr gebrauchten Gegenstände anzulegen. Nach der Weise des Änschauungsunterrichts kann ein solche Sammlung auf schnelleres und leichteres Verständniß rechnen, als die reichhaltigste Literatur. Ist doch alles, was die Menschen schaffen, von dem Brod, das sie backen, und den Kleidern, die sie tragen bis hinauf zu den erhabensten Schöpfungen der Kunst, ein Produkt ihres Geistes. Aus diesen Erwägungen heraus sind unsere Museen im 19. Jahrhundert geschaffen worden, nicht mehr Raritätenkabinette, wie man' sie früher anlegte, sondern praktische Hülfsmittel für die Kulturgeschichte. In diesem Sinne wird auch das Wiener Museum zu wirken haben. Die Pfade der jüdischen Kulturgeschichte sind äußerst verschlungene. Das Judenthum hat einen so lebhaften Einfluß auf den Gang der Civilisation gehabt, daß Enthusiasten oft geneigt sind, es mit dem Begriff der Gesittung überhaupt ganz zu identifizieren. Andererseits hat es auch zu allen Zeiten und in allen Orten eine Menge fremder Einflüffe ausgenommen und sich mehr oder weniger assimiliert. „Occident und Orient sind nicht mehr zu trennen", ruft der Dichter des west-östlichen Divan aus, indem er vielleicht an seine Frankfurter Jugendtage zurückdenkt. Im Judenthum sind sie sicher nicht zu trennen! Es ist ein einziger rother Faden, der sich von den biblischen Wektschöpfungs- und Patriarchen - Erzählungen bis in die Judendebatten der heutigen Parlamente und die Gerichtsverhandlungen von Tisza - Eszlar, von Xanten und von Rennes schlingt; aber die Muster, die er auf dem Teppich der Weltgeschichte bildet, sind außerordentlich mannigfaltig. Den Schlüssel zu ihrem Verständniß durch aprioristische Spekulationen finden zu wollen, entspricht nicht der Methode unserer Zeit. Induktiv vorzugehen, Thatsachen an Thatsachen zu reihen, Materialien zu sammeln und zu sichten — das ist der Weg, auf dem wir hoffen können, vorwärts zu schreiten.