Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- Antisemitisches Jahrbuch für 1899 [Rezension]
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 384 (sequence 4)
- Language
- German
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384 deutschen Reich. ist, kargen sie nicht und zahlen „die höchsten Preise". Ein kleiner aber recht bezeichnender Beweis für die eingehenden Quellenstudien und Kenntnisie findet sich in einer beiläufig eingestreuten Bemerkung "S. 78. Da werden die Juden in den rheinischen Städten beschuldigt, bereitwillige Abnehmer der Beute gewesen zu sein, die ihre Glaubensgenossen durch wer weiß welche Räubereien und Diebstähle gemacht hatten; und in Klammer wird hinzugefügt: „Am Schabbes (sic!) machten sie freilich bei Leibe keine Ankäufe." Man sieht, wie geläufig dem Verfasser der antisemitische Sprachschatz ist, er muß wirklich in regem Verkehr mit Antisemiten vom Schlage derer gestanden haben, die da glauben, andere zu verhöhnen, wenn sie durch Sprache oder Gebärde sich lächerlich macken, oder er muß glauben, daß die Antisemiten, für die er schreibt, nur diese Sprache verstehen. Dem Antisemitismus soll neidlos das Verdienst zugeschrieben werden, derartige Possenreißerei in das Schriftthum eingeführt zu haben; früher begegnete man ihr nur auf der Straße bei solchen, denen man aus dem Wege ging. Wie vorurtheilssrei und logisch der Verfasser zu Werke geht, wenn er laut Vorschrift verallgemeinert, beweist er zum Ueberfluß zahlenmäßig S. 90. Dort will er beweisen, daß ein Jude, der einmal „ehrlich in den Kampf eingriff und gleichzeitig seine Stawmesgenossen mahnte, ihre Talmudgesinnung und Ghettositten abzulegen, von Seiten der gesammten Judenschaft die schärfste Mißbilligung erfuhr und sich ihren wüthenden Haß zuzog". Diesen Beweis liefert Börne und sein Vater. Jener empfahl in seiner Schrift den Juden, „sich gründlich zu bessern", der Vater fürchtete für den Ruf seines Sohnes unter den Juden und ließ die Schrift sofort nach ihrem Erscheinen vernichten. Wir nehmen an, daß der von dem Verfasser angeführte Vorgang, so wie er ihn schildert, stattgefunden hat; worauf beruht seine Begründung? Woher weiß er, was den Vater zu seinem Vorgehen bewogen hat? Und wenn auch die Begründung zutreffend sein sollte, so schließt doch der Verfasser wieder mit Antisemitenlogik: was e i n Jude mißbilligt, mißbilligen alle, wenn e i n Jude verdrießlich ist und sich nicht will sagen lassen, daß es seine Menschenpflicht ist, nach Vervollkommnung zu streben, dann stimmt ihm die Gesammtheit im Chorus zu. Solche Schlußfolgerungen sind so verkehrt, daß sie unmittelbar nicht schaden können, aber mittelbar haben sie durch ihr Gift gewirkt. Da man nicht erklären konnte, wie sich derartige Vorgänge auf natürlichem Wege vollziehen, so fand man den Ausweg, daß geheime Kräfte in Vereinen und Verbänden wirken müssen, die ihre Fangarme um die gesammte Judenschaft schlingen.