Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- Antisemitisches Jahrbuch für 1899 [Rezension]
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 383 (sequence 3)
- Language
- German
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Bücherschau. 888 Aber hat der Verfafler sich auch dir Mühe gegeben, die einzelnen Anklagen gegen di« Juden auf ihren Werth und ihren Ursprung zu prüfen? Hat er die Erwiderungen und Wiederlegungen gelesen, die Männer von unantastbarer Ehrenhaftigkeit, Christen wie Juden, veröffentlicht haben? Wir wollen annehmen, daß er sie entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat. Vielleicht sind sie es, di« er glaubt, „ideologische Deutsche, die ihr Gerechtigkeitsfanatismus auf die falsche Seite führt", nennen zu dürfen. Er hat sich „Nichtfachmann" genannt und sich damit ein Hinterthürchen geschaffen, durch das wir ihn gern entschlüpfen lasten. Wir unterlassen es, im einzelnen zu zeigen, wie beflisten der Verfasser war, judenfeindliche Schriften auf Treu und Glauben hin zu verwerthen, judenfreundliche aber mit ein paar Worten abzuthun, mit dem Junker und andern von kleinlichem Krämergeist Behafteten Arm in Arm zu marschieren und allen anderen einen Fußtritt zu versetzen, weil sie ihm nicht den Gefallen erweisen, Judenfresser zu sein und so zu schreiben und zu wirken, wie es in seinen Kram paßt. Wer so vorgeht und über Lessing, so wie er S. 75. urtheilt, der liebt es, Eisenmenger, nicht Lessing zum Vorbilde Hu nehmen, für einen Epigonen jenes, nicht dieses gehalten zu werden. Die Methode ist, wie oben gesagt, die antisemitische; denn obenan steht der Grundsatz: wie einer oder einzelne, so ist die Gesammtheit, was ein Jude verbrochen hat oder verbrochen haben soll, das ist das Verbrechen der Gesammtheit, ist einer fehlerhaft oder charakterlos, dann sind es alle. Dafür einige Beispiele: Recht ausführlich verbreitet sich der Verfasser S. 77 f über die Vortheile, die die Juden aus dem Kriege gezogen haben sollen; sie sind Lieferanten und Pächter oder Hyänen des Schlachtfeldes und Räuber. Muß man nicht sagen, wer sich in solchen Vorwürfen und Verdächtigungen sonnt, hat die Schriften Ahlwardts und Genossen mit Erfolg gelesen? Was hat eine Religionsgesellschaft mit Verbrechern zu thun, die ihr durch Geburt zufällig angehören? Kann der Verfafler Nachweisen, daß alle oder auch nur der größte oder ein erheblicher Theil der Juden sich jener Verbrechen schuldig gemacht hat, daß Verbrecher von Juden geschützt wurden, weil sie Juden oder gar weil sie Verbrecher waren? Weit gefehlt; solche Verdächtigungen und Beschuldigungen müssen nur aufgewärmt und aufgefrischt werden, damit sich immer mehr finden, die so gutmüthig sind, sie zu glauben. Dem Verfasser sind diese Beschuldigungen sehr werthvoll, und er zahlt einen hohen Preis dafür; denn er muß zugeben, daß zu dem Räuberhandwerk Muth gehört, und Muth ist doch eine Eigenschaft, die die Gesinnungsgenosten des Verfasters den Juden absprechen. Aber wenn etwas herauszuschlagen