Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 375 (sequence 3)
- Language
- German
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vereinsnachnchten. .875 der individualistischen Geistesrichtung der Juden. Bei der jedem einzelnen Juden obliegenden Aufgabe könnten überhaupt die Führer nur die allgemeinen Gesichtspunkte angeben; die Aufgabe müsse von innen heraus gelöst werden. Dies werde erreicht werden, wenn jeder Einzelne nicht nur thätigen Antheil an dem Leben der Gegenwart, sondern auch Verständniß der Religion erstrebe, die in allen Wirren den festesten Halt verleihe, wenn allen Juden stets das hoheZiel vorAugen schwebe, mit dazu beizutragen, daß das Judenthum wieder Anerkennung finde als eine den übrigen Kulturfaktoren ebenbürtig« geistige Macht! — Dem von dem Auditorium dem Redner gezollten lebhaften Beifall ließ der Vorsitzende den Ausdruck auftichtiger Anerkennung für die Ausführungen folgen, die über die Fortentwickelung der Wissenschaft deS Judenthums überaus dankenswerthe Aufschlüsse geboten hätten. — Daran schlossen sich einige geschäftliche Mittheilungen. Herr Rechtsanwalt Dr. H o r w i tz berichtete über die Berufung des Herrn vr. weck. Otto Wiesenthal in den Vorstand und über die Gründe, welche die Veranstaltung der Versammlung in der schon vorgerückten Jahreszeit und in dem vom Mittelpunkte Berlins entfernten Stadttheile veranlaßten. Der Vorsitzende äußerte sich dann über eine zu derselben Zeit in der Reichshauptstadt stattfindende Antisemiten-Versammlung, für welche Reden des Redakteurs der „Staats» bürger-Ztg." und des Amtsvorstehers z. D. aus Kl.-Tschirne über „Zweierlei Recht" angekündigt worden seien. Redner erwähnte dann die leichtfertige Art, in welcher die antisemitische Presse die böswilligen Erfindungen der Wiener Ritualmord-Märchen-Erzeuger verbreite, und mit welcher sie sich der Pflicht entziehe, der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn man ihr die Unrichtigkeit ihrer Berichte überzeugend Nachweise. Diese Presse, welche um die Behörden zu terrorisieren sich völlig nach dem Vorbilde der kongenialen französischen Antisemiten an jedem Richter zu reiben suche, der ihre Delikte verurtheile, treib« unaufhaltsam dem Anarchismus zu. Sie verleugne aber sofort ihren Judenhaß, wo z. B. durch Inserate Geld zu verdienen sei, und dafür könne sogar das Budapester Operetten-Theater redaktionell« Notizen an so hervorragender Stelle erlangen, daß seine Erfolge den antisemitischen Lesern als Weltereignisse erscheinen müßten. Solchen Leuten erscheine es auch möglich, den Ausgang der Dreyfus-Affäre auf Käuflichkeit der höchsten Richter und Würdenträger Frankreichs zurückzusühren. Die sich mit den französischen Hetzern völlig identifizierenden deutschen Antisemiten hätten sich nicht entblödet, das begreifliche Mitleid der deutschen Juden mit dem Dulder auf der Teufelsinsel als einen Beweis für den angeblichen internationalen 25*