Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 355 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. .355 noch ein Reinfall in HildeSheim — giebt es denn gar keine talmudische Gerechtigkeit mehr?" — Daß es eine „göttlich« Gerechtigkeit" giebt, «erden Menschen, welche solche Fragen stellen, sicher noch erfahren! „Und das heute, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, in einer Zeit höchster Kultur!" schreibt Sedlatzek's „Deutscher General- Anzeiger" in der Einleitung zu einem den „M ädchenmord in P o l n a" betreffenden Artikel, den er Wort für Wort einer Nummer des von Vergani in Wien herausgegebenen „Deutschen Volksblattes" entlehnt, welche wegen dieser hetzerischen Ausfrischung des unsinnigen Nitualmord-Märchens der Konfiskation verfiel. Daß ein deutsches Blatt, heute am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, in einer Zeit höchster Kultur sich den Anschein giebt, daran zu glauben, daß es Juden giebt, welche zu religiösen Zwecken Mordthaten begehen, daß es seinen Lesern zumuthet, derartige schaurige Märchen für wirkliche Begebenheiten zu halten — das ist allerdings nicht nur wunderbar, sondern die bitterste Verhöhnung unserer Kulturperiode! Wie die „Staatsbürger-Ztg." mit dem „General-Anzeiger" wetteifernd um die Gunst des „Dreschgrafen" buhlt, so gönnt sie diesem Blatte auch nicht jenes Auditorium, das noch für blödsinnige Ritualmord-Geschichten empfänglich ist. Nur wenig vorsichtiger in der Fassung, giebt sie den Wiener Artikel nur im Auszuge wieder, bezeichnet aber trotzdem die unrichtigen tendenziösen Angaben desielben als „sensationelle Enthüllungen", die falsche Behauptung, daß bei dem Morde in Polna das Blut des Mädchens nicht gefunden worden sei, als in dem Artikel „nachgewiesen" und versichert, in der jüngsten Nummer des „Deutschen Volksblattes" sei „nachgewiesen worden, daß die im Juli ermordete Maria Klima, sowie die am Mittwoch vor Ostern in Polna ermordete Agnes Hruza von den Juden geschachtet wurde." Es genügt wohl, derartige journalistische Leistungen niedriger zu hängen! Diese „cynische" Gattung des Antisemitismus gehört sicher zu den widerwärtigsten Erscheinungen der ganzen kulturwidrigen Bewegung, ist aber vielleicht gerade wegen ihres alle Bessergesinnten abstoßenden Wesens die ungefährlichste von allen. Weit schlimmer wirken sicher solche judenfeindlichen Aeußerungen, welche zwar genau ebenso wie diejenigen der Ahlwardt-Nachbeter sich auf mittelalterliche Vorurtheile gründen, aber diese durch ein nationales oder konfessionelles Mäntelchen verhüllen. Den unbefangenen Beobachter muß es dabei seltsam berühren, unter den heftigsten Gegnern der Jesuiten Leute zu finden, die in der sogenannten Judenfrage Grundsätze bekunden, welche sie bei anderen Angelegenheiten — es mag dahingestellt sein, ob mit