Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- Joseph Wolf
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 347 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316657-2324263--05474-2324368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Joseph Wolf. 847 Dr. Fränkel schrieb er um diese Zeit: „Es wird mir eine wahre Freude gewähren, wenn die Verhältniffe endlich einmal dem Zeitgeiste angemessen und zur Zufriedenheit aller Theile festgestellt werden." (Das Wörtchen „aller" ist auch im Original unterstrichen.) Da bedarf es wohl erst keiner Bestätigung dafür, daß die Israeliten Anhalts sich besonders anstrengten, den Jubeltag festlich zu begehen. Beim Empfang der Äeltesten der jüdischen Gemeinde zu Dessau hatte der Fürst ihnen versprochen: „Ich werde Euch in Eurer Synagoge besuchen und Eurem Gottesdienst mit voller Andacht beiwohnen!" Zum Empfang des Herzogs und zum Festgottesdienst mußten nun schnellstens Vorbereitungen getroffen werden. Die Synagoge selbst war auf's Prächtigste geschmückt. Für die Feier mußte Wolf d rutsche Gesänge dichten, die vom Organisten Kindscher iw Musik gesetzt und von einem Chor eingeübt wurden, und eine hebräische Ode abfassen, welche der damalige Kantor Königsberg vortragen sollte. Wolf bekam von den Gemeindeältesten den Auftrag, an diesem Tage in der Synagoge zu p r e d i g e n, und er, der stille und bescheidene Mann, der nie eine öffentliche Rede gehalten, war kühn und begeistert genug, dem Wunsche zu willfahren. Nachdem Wolf feine Predigt niedergeschrieben hatte, wurde er krank, hatteFieber und schlaflose Nächte und fühlte sich so schwach, daß er zweifelte, die Predigt halten zu können. Man denke sich die Verlegenheit des Vorstandes, die Angst Wolf's. Seinem Freunde Phöbus Philippson erzählte Wolf Folgendes darüber: „Ich verbrachte die letzte Nacht vor dem Feste im heftigsten Fieber und fühlte mich so zerschlagen, daß ich den Gedanken, am anderen Tage zu predigen, aufgab. Mit einem inbrünstigen Gebete wendete ich mich zu Gott und bat ihn um Beistand und die Gnade, mir meine Kräfte zum folgenden Tage wieder zu geben. Da schlief ich ein, nach mehreren Nächten zum ersten Male; gegen Morgen träumte ich: Ich befand mich auf einer weiten, grünen Flur, lag auf den Knieen und hatte den Blick gen Himmel im Gebet gerichtet. Ich hörte die Worte und sprach sie endlich nach: „Bis hierher half uns deine Barmherzigkeit." Da erwachte ich und fühlte mich so gestärkt, daß ich ausstehen und in wenigen Stunden meine Predigt lernen konnte." — Die Feier in der Synagoge übertraf in Wirklichkeit alle Er-