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Im deutschen Reich · 1899-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1899) · p. 343

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1899)
Article
Joseph Wolf
Date
1899-06-01
Page
343 (sequence 3)
Language
German
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Joseph Wolf. 848 anders entwickelte sich das Leben seines Zeit- und Altersgenossen Wolf. Joseph Wolf wurde im Jahre 1762 in Dessau geboren. ES ist unmöglich, seinen Geburtstag zu bestimmen; Kirchenbuch und Civilstandsregister vermerkten nicht vor 150 Jahren die Geburt oder den Tod eines Juden; auf den Leichensteinen war in den meisten Fällen nur der Todestag bezeichnet. Wolf kannte seinen Vater Joseph Benscher nicht; er starb, als Wolf 9 Monate alt war; doch nahm sich sein Stiefvater, Lehrer Gumpel, seiner mit väterlicher Liebe an und dieser wurde auch später der erste Lehrer seines Stiefkindes. Wolf wuchs im schweren Dunstkreise eines jüdischen Cheder — Schulzimmer — auf; was das sagen will, ist - nur Wenigen aus Anschauung und Erfahrung bekannt. In dem niedrigen, engen Wohnzimmer wurden alle häuslichen Geschäfte betrieben, Kartoffeln geschält, Gemüse geputzt, Geschirr abgewaschen, die Vorbereitungen zum Sabbath getroffen u. dergl. mehr. Hier saßen nun Knaben und Mädchen zusammen und lernten zuerst hebräisch lesen. Hatten Schüler und Schülerinnen Geläufigkeit im Lesen und Fertigkeit im jüdisch-deutschen Schreiben erlangt, so war für den weiblichen Theil der Lektionsplan zu Ende. Für den Knaben begann der Unterricht im Pentateuch mit Raschi's Kommentar, wie auch in Mischna, für die Befähigten Talmud. Spiel im Freien, Ferien außer an den Festtagen, kannte man nicht. Einen Umgang mit christlichen Nachbarskindern gestatteten die beiderseitigen Eltern nicht; auch wurde das Judenkind meist verhöhnt und beschimpft, und suchte es sich zu wehren, so erlag es der Mehrheit. Unter solchen Umständen verlebte auch unser Wolf seine Kindheit, was ihn aber nicht hinderte, durch seine Befähigung und seinen Fleiß die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich zu lenken. Um das „Wunderkind" seinen Verwandten vorzusühren, reiste seine Mutter mit ihrem siebenjährigen Söhnchen nach Sandersleben, einer kleinen Stadt Anhalts, wo ihre Eltern und Bruder wohnten. Hier in Sandersleben wurde er nun bei seinem Großvater erzogen und von seinem Onkel, dem Rabbiner Meister, unterrichtet; hier legte er den Grund zu seiner deutschen Bildung, denn so orthodox war Rabbiner Meister nicht, ihm das Lesen deutscher Bucker zu verbieten. Nach zurückgelegtem 13. Lebensjahre hielten es seine sämmtlichen Verwandten für

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