Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1899-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1899) · p. 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1899)
Article
Ein verkanntes Proletariat
Date
1899-06-01
Page
336 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316650-2316657-2324262--05462-2324357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8S6 3m deutschen Reich. weil ihre Genossinnen — angeblich wegen ihres schlechten Lebenswandels — sich geweigert hatten, mit ihr zusammen zu arbeiten. „Es hat mir leid gethan," sagte mir der betreffende Meister, „denn ich weiß, daß nur das Elend sie auf diese Bahn getrieben hat!" Die Cigarren - und Cigaretten-Fabrikativn des Londoner East-End ist fast ganz in den Händen von Juden. Die Zahl der jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen beträgt ungefähr 9000, von denen 500 bis 1000 in der Cigaretten- und 8000 in der Cigarren-Fabrikation beschäftigt sind. Ein großer Theil (vorwiegend weibliche) Arbeiter sind Holländer. Das „Lweating" besteht eigentlich nur in den kleinen Werkstätten, und dort vorzugsweise in der Cigaretten-Jnduftrie. Der Grund liegt darin, daß zur Cigarren-Fabrikation schon gewiffe Kapitalien erforderlich sind, und daher nicht jeder gleich in der Lage ist, selbstständiger Fabrikant zu werden. Ein weiteres Hinderniß bildet die Tabakssteuer und die Befugniß der Beamten, jeder Zeit die Fabriken zu inspizieren. Anders liegen die Verhältnisse in der Cigaretten-Industrie. Hier herrscht das „Sweating" in seiner ganzen Härte. Seine Ausbreitung wurde in den letzten Jahren noch begünstigt durch die Vervollkommnung der Maschinen, welche die Handfabrikation der Cigaretten verdrängt und viele Arbeiter überflüssig gemacht haben. Gegenwärtig sind in dieser Industrie zahlreiche Mädchen von 13 bis 14 Jahren beschäftigt, die natürlich sehr schlecht bezahlt werden. Ein Arbeiter erzählte mir, daß er 13 bis 14 Stunden täglich in einem Zimmer mit 8 Mädchen zusammen arbeite. In den großen Werkstätten dauert die Arbeit gewöhnlich von 8 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends. Viele Werkstätten werden im Winter nicht geheizt, um das Trocknen des Tabaks zu verhüten. Als ich eines Tages ein junges Mädchen fragte, ob sie nicht friere, antwortete sie mir, daß ja 38 junge Mädchen mit ihr zusammen arbeiteten, und da die Fenster nie geöffnet würden, wäre es in Folge der gemeinsamen Ausathmung stets warm genug. Die Löhne werden für je 100 Stück Cigarren bezahlt und belaufen sich auf 1 sfl. 6 ä. bis 3 ob. 6 d. Ein Arbeiter kann nur 150 bis 200 Stück täglich Herstellen, so daß sein Lohn selten 13 bis 14 sll. die Woche übersteigt. Mitunter beträgt er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.