Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- Heinrich Heine
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 329 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316657-2324261--05454-2324350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heinrich Heine. 329 der Aufklärung entgegentrat, das von unseren Klassikern erhobene Prinzip der Humanität zu unterdrücken trachtete, und Deutschland an Händen und Füßen geknebelt dem krassesten Absolutismus auslieferte. Denn es ist gegen die geschichtliche Wahrheit, daß, wie die romantische Schule behauptet, Staat, nationales Leben, Wissenschaft und Kunst während des Mittelalters in der Kirche ihre Einheit und in der Religion ihren Höhepunkt gehabt haben. Eine solche Konzentration des gesammten Lebens in der Kirche hat es glücklicherweise in Deutschland nie gegeben. Die erstickenden Dünste zu zerstreuen, die im Dämmern der „mondbeglänzten Zaubernacht" über Deutschland sich gelagert hatten, das vermochte nur der Romantiker, den die Skepsis, die er gleichsam mit der Muttermilch eingesogen, dazu zwang, seine eigenen schönen Gefühle in Zweifel zu ziehen und zu ironisiren. Das vermochte nur Heine. Mit funkelndem Witze 'enthüllte er in den meisterhaft getroffenen Porträts der Häupter der romantischen Schule deren unheilvolle Verirrung und eröffnete damit der deutschen Literatur und Dichtkunst neue Bahnen. Zum Dank für diese Erlösung ward Heine von dem deutschen Polizeistaat proskribirt. Wolfgang Menzel, der noch jüngst für Börne begeistert gewesen, hatte diesen, Heine und das aus ihnen emporgewachsene Junge Deutschland in seinem,,L i t e r a t u r - b l a t t" so lange bei dem Bundestage denunzirt, bis dieser ihrer aller Schriften auf den Index setzte. Wie alle Gewalt im Kampf gegen den Geist, gegen Ideen, so erwies sich aber auch diese Maaßregelung als ohnmächtig. Die Werke der Geächteten wurden um so fleißiger gekauft und gelesen. Der Bannstrahl traf Heine im Jahre 1835, und nur einmal noch sah er vor seinem Tode Deutschland auf kurze Zeit wieder. Die Sehnsucht nach seiner hochbetagten Mutter, die so rührend aus seinen „Z e i t g e d i ch t e n" erklingt, und der Wunsch, noch einmal den Torfgeruch des Vaterlandes einzuathmen, ließen ihm in Frankreich keine Ruhe. Er begab sich im Herbste 1843 auf die Reise nach Hamburg, wo die „alte Frau," wie er seine Mutter nannte, wohnte. Die Frucht dieser Reise war: „Deutschland, ein W i nt erm ä r ch en," eine satirische Dichtung, die im folgenden Jahre als Anhang der „N e u e n Gedichte," später ganz gesondert erschien.