Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1899)
- Article
- Heinrich Heine
- Date
- 1899-06-01
- Page
- 322 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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322 3m deutschen Reich. Lieder" zusammen stellte. Er nahm darin auch das Beste aus' einem Bändchen Gedichte auf, welches er bereits während seines Berliner Aufenthaltes herausgegeben hatte. Es war damals wenig beachtet worden, und ein ähnliches Schicksal hatte das „Lyrische Intermezzo" gehabt, so genannt, weil es zwischen den beiden Tragödien „ A l m a n s o r „ und „ R a t c l i s f" abgedruckt war. Der Mangel an dramatischer Gestaltungskraft und die phantastische Romantik der beiden Tragödien hatten das „Intermezzo" gleichsam gedrückt. Jetzt feierte es seine Auferstehung in dem „Buch der L i e d e r ", das bekanntlich mit den „Nordseebildern" abschließt, die in der Pracht ihrer Schilderungen, in der Tiefe ihrer Gedanken und vor allem in ihrem Odenschwunge unübertroffen in der deutschen Literatur sind. Die Bedeutung der „Harzreise" ist jedoch damit nicht erschöpft, daß Heine in ihr der Bevormundung und Geistes-Knechtschaft die Axt an die Wurzel legte. Auch in der Sprache wirkte sie befreiend. An dem Enthusiasmus, mit dem das Buch ausgenommen wurde, haben Stil und Rhythmus einen reich gemessenen Antheil. Gutzkow äußert von dem Stil der „Reis ebilder ", daß fortan jeder, der schön schreiben wolle, von ihm zu borgen genöthigt sei. Er hat Recht behalten. Heine ist der Schöpfer unserer heutigen Prosa. So außerordentlich groß das Verdienst eines Lessing, Herder, Goethe, Schiller um unsere Muttersprache ist, ihr Stil hat sich von einer gewissen feierlichen Steifheit nicht befreien können, weil sie ihn an den alten Klassikern gebildet hatten. Vollends verdarben ihn die Romantiker durch Verkünstelung, Süßlichkeit und Bilderüberladung. Heine war nicht bei den alten Griechen und Römern in die Schule gegangen. Seine Lehrmeisterin war die deutsche Sprache selbst; ihr lauschte er die feinsten Geheimnisse ab und den köstlichen Wohllaut seines Satz- und Periodenbaues. Der Wohllaut ist das oberste Gesetz seines Stils.' Ihm gehorchend, kümmert er sich in seiner Prosa keinen Deut um die grammatikalisch altehrwürdigen Zöpfe und bricht in seinen Versen mit der auf den alten Klassikern beruhenden Metrik. Er zählt nicht lange und kurze Cylben; er fingert nicht Jamben, Trochäen, Daktylen. Er wendet sich an den eingeborenen Geist der Muttersprache, deren Rhythmus nur den Accent, den Sprechton kennt. Es ist wahr, daß vor ihm