Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-05-01
- Page
- 282 (sequence 10)
- Language
- German
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3m deutschen Reich. aber der „Lokal-Anzeiger" aufzuweisen. Dieses Blatt, das so manches mittheilt, was nie passiert ist, schweigt die ganze Sache einfach todt." Daß der Herausgeber des „Berliner Lokal-Anzeigers", Herr Scherl, ein Christ, und seine deutsche Abstammung vielleicht zweifelloser als die des Herrn Dr. Kropatschek ist, dürfte fast allgemein bekannt sein. Ueber den traurigen Fall berichtet übrigens die „Braunschweigische Landes-Ztg." vom 28. April: „Wie wir erfahren, hat die in Hannover verhaftete Jetta Seiden das Geständniß abgelegt, daß sie ihren kleinen Sohn am 13. März in Gemeinschaft mit ihrem Bruder, dem flüchtigen Juda Seiden, ermordet und die Leiche in den Graben an der Chausiee zwischen Freden und Erzhausen geworfen hat. Die Mörderin ist durch den Kriminalwachtmeister Diekmann nach Braunschweig üb'ergeführt worden und sitzt bereits im Kreisgefängnisse in Untersuchungshaft. Die Seiden ist erst 20 Jahre alt. Der Bruder, dessen Signalement wir bereits gestern brachten, wird laut Bekanntmachung des Ersten Staatsanwalts Peßler steckbrieflich verfolgt." Das Aufsehen, welches dieser traurige Fall in einer Zeit erregte, in welcher eine ganze Reihe der entsetzlichsten Verbrechen die' Kriminalisten beschäftigte, bewies nur, wie selten solche Verbrechen von Juden verübt werden. Das Ritualmord-Märchen konnte durch die entsetzliche Frevelthat des herumbettelnden galizischen Geschwisterpaares schon deshalb nicht wieder aufgefrischt werden, weil das Opfer des Verbrechens ein jüdisches Kind war. Der „Vorwärts" schrieb deshalb: „Als Ritualmord legt die „Staatsbürger-Ztg." es aus, daß die Jüdin Jetta Seiden aus Galizien in der Nähe von Braunschweig ihr Söhnchen getödtet hat. Danach scheint es, daß die Seiden nicht von ihrem eigenen, sondern von einem fremden, offenbar christlichen Kinde entbunden worden ist. Der Nachricht der „Staatsbürger-Ztg." sollten unsere Geburtshelfer, mehr aber noch die Irrenärzte Beachtung schenken." Wie schmerzlich es für die Antisemiten ist, wenn die Macht der Wahrheit ihnen die Möglichkeit benimmt, irgend eine von einem noch unentdeckten Verbrecher verübte Mordthat zur Auffrischung des uralten Ritualmord-Wahns und zur Aufreizung des Pöbels gegen die Juden auszubeuten, zeigt die Wuth der österreichischen Judengegner über die richterlichen Behörden, welche sich bei der Untersuchung des Mädchenmordes in Polna nicht von den Hetzern beeinflussen ließen. Der Verdacht, der ursprünglich aus dem Juden Hülsner haftete, ist vollständig geschwunden und lastet jetzt auf dem für wahnsinnig gehaltenen Kürschnergesellen Janda, der selbst erklärt bei der Ermorduna anwesend gewesen zu sein und in dessen Wohnung