Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-05-01
- Page
- 276 (sequence 4)
- Language
- German
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276 Im deutschen Reich. halten deS antisemitischen Vertreters in der Kommission für das Börsengesetz und brachte damit Herrn Liebermann von Sonnenberg dermaßen in Harnisch, daß er sich durch den Ausdruck „Lüge" einen Ordnungsruf zuzog, dem der Präsident Graf Ballestrem einen zweiten Ordnungsruf folgen lassen mußte, weil Liebermann von Sonnenberg sich nicht fügen wollte und: „Es bleibt dabei!" rief. Die Antisemiten kündigen nun eine erneute Arbeit zu Gunsten der Verstaatlichung der nach ihrer Meinung „verjudeten" Reichsbank an und trösten sich damit, daß sie für diese Arbeit eine zehnjährige Frist haben. Diese Frist genügt aber auch ihren Gegnern. Der Ausgang dieser Debatten war deshalb sehr lehrreich, weil er zeigte, daß das antisemitische Agrarierthum die Reichsbank lediglich zu agitatorischen Zwecken angegriffen hat, daß derartige Angriffe aber im deutschen Reichstage völlig versagen. Die augenblickliche Stimmung im antisemitischen Lager wird durch die Aeußerung Liebermann von Sonnen berg's gekennzeichnet, der am 21. April in einer Leipziger Reformverein-Versammlung sagte: „Die Juden fühlen sich jetzt wieder stärker, als es zeitweilig schon der Fall gewesen ist. Der Antisemitismus ist gesellschaftlich gewachsen, politisch stagniert er. Viele seiner Führer sind zu Grunde gerichtet, oder sie wurden durch alle denkbaren Machinationen zum Rücktritt von der Bewegung genöthigt: Dr. König, Th. Fritsch, Vielhaben (bei dem sich aber der Rücktritt hoffentlich werde vermeiden laffen)." Noch verbiffener drückte sich die „Staatsbürger-Ztg." aus: „Lammfromm sind wir nicht, selbst auf die Gefahr hin, von geheimräthlicher Seite als „Demokraten — ohne Juden" verschrieen zu werden. Können wir nicht Hüter., so wollen wir Rächer sein! Der Antisemitismus stellt trotz aller Verdächtigungen die einzige gesunde Opposition dar." Sie meint nämlich diejenige Opposition, für welche der „Tivoli-Antisemitismus" nicht ausreicht, weil dieser sich scheut, die Manieren eines Dreschgrafen anzunehmen. Der .konservative Negierungsrath W i - t o w s k i schrieb, nachdem er in der Ersatzwahl im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise unterlegen war: „Mit Schmähungen und Dreschflegeln hätte ich losschlagen müffen, dann hätte ich jene mir fehlenden 6000 Stimmen gehabt, trotz des Mißtrauens gegen den „hohen Herrn", trotz der gekränkten Eigenliebe, die sich bei der Auswahl des Kandidaten nicht genügend berücksichtigt fühlte. Dafür hätte ich aber die Achtung vor mir selbst verloren als Christ und als Mann, der nicht für Phrasen, sondern für sachliches Handeln erzogen ist. Wie hätte ich etwa den Haß und die Volkswuth