Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1899)
- Article
- Die Antisemiten unter sich
- Date
- 1899-05-01
- Page
- 254 (sequence 2)
- Language
- German
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254 3m deutschen Reich. die Bedrohten eint und zur rechten Abwehr leitet. Wie die Noth beten lehrt, bannt sie auch, den Zwist und übt jene einigende Kraft, deren Segnungen dem Einzelnen zu statten kommen. Unter den deutschen Juden ist ein Korpsgeist erwacht, der Jahrhunderte hindurch schlummerte; hocherfreulich ist es, daß dieser Geist die deutschen Juden nicht loslöst vom gesammten Bürgerthum, sondern nur ihren Eifer spornt, demselben Ehre zu machen. „Sei dir selber treu und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen!" Treu dem Glauben der Väter, und ebenso treu dem deutschen Vaterlande, schaaren sich Tausende um das von dem Central - Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aufgepflanzte Banner der Selbstvertheidigung, nur um ihre bedrohten bürgerlichen Rechte zu vertheidigen, nicht aber irgend welche Vorrechte zu beanspruchen. Der wachgerufene Korpsgeist drängt sie. Unschuldige zu schützen, die nur wegen ihrer Religion oder ihrer Abstammung angegriffen werden, nicht aber Unwürdige vor der verdienten Strafe zu retten oder auch nur Unrecht zu beschönigen. Wenn der deutsche Jude heute seinen Glaubensgenossen wieder näher steht als vor einigen Jahrzehnten, so ist dies auch eine Wirkung jener Kraft, „die stets das Böse will und doch das Gute schafft". Die Religionsgenoffenschaft ist durch die von den Gegnern wieder aufgefrischten mittelalterlichen Anschauungen zu einer Leidensgcnossenschaft geworden, und nun hält auch das Band der Ehre den alten Bau fester als je zusammen. Der Gedanke, sich nicht nur wohlverdiente Strafe zuzuziehen, sondern auch die Achtung der Glaubensgenossen zu verwirken, verhindert manches Delikt; aber alle Juden zu Mustermenschen zu machen, die Leidenschaften jedes Einzelnen zu zügeln, alles Unrecht, alles Unschöne aus unserer Mitte zu verbannen, dazu giebt es kein Mittel. Die Juden sind eben Menschen wie andere, vielleicht nicht besser, aber sicher nicht schlechter als die Bekenner anderer Religionen, schon deshalb nicht, weil unverdiente Leiden stets eine veredelnde Wirkung ausüben. Der feste Zusammenschluß der Juden, den die Roth der Zeit bewirkte, flößt bereits den Gegnern solche Besorgnisse ein, daß sie jedes Zeichen der Uneinigkeit mit Jubel begrüßen. Das zeigte ein „Die Juden unter sich" überschriebener Artikel, in dem die antisemitische Presse die von ihr sonst stets ausgestellte