Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1899)
- Article
- Die Antisemiten unter sich
- Date
- 1899-05-01
- Page
- 253 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Antisemiten unter sich. üj||eber die jüdische Religion noch die jüdische Geschichte liefert ben Nachweis, daß die Bekenner des Judenthums eine Verbindung bilden sollten oder je gebildet haben, deren Mitglieder Alle für Einen und Einer für Alle in allen Dingen zu haften verbunden sind. Trotzdem pflegt man in jedem Falle, in welchem ein einzelner Jude irgend eine schlechte That beging, alle Juden für dieselbe verantwortlich zu machen. Das böse Beispiel Haman's, der sämmtliche Juden in Persien für die Unehrerbietigkeit des einen Mardochai büßen laflen wollte, ist im Laufe der Zeiten unzählige Male nachgeahmt worden. Im Mittelalter geschah dies so häufig und in so entsetzlicher Weise, daß sich einzelne mildgestnnte Kirchenfürsten (u. a. der Erzbischof Konrad von Hochstaden im Jahre 1252 in Köln) gedrungen fühlten, den geängstigten jüdischen Gemeinden die Zusicherung zu geben, „daß die Gesammtheit der Juden für das Vergehen eines Einzelnen nicht verantwortlich gemacht werden solle". Die erbärmliche Sucht, jede tadelnswerthe Handlung eines Einzelnen zu verallgemeinern, ist leider durch die Fortschritte der Kultur nicht verdrängt worden; sie hat sich sogar wesentlich verschlimmert, seitdem eine von mittelalterlichen Anschauungen durchsetzte politische Strömung die schlimnisten Instinkte aufgewühlt hat. So kulturwidrig die ganze Strömung ist, so bedrohlich und so verletzend die Sucht der „Verallgemeinerung" wirkt, hat sie doch für die Bedrohten auch manches Gutes zur Folge gehabt. Das Bewußtsein, daß auch der kleinste Fehler eines Juden allen seinen Glaubensgenoffen zur Last gelegt wird, veranlaßte bei vielen derselben eine löbliche Selbstzucht, vermehrte das Streben nach Selbsterkenntniß und erzeugte erst bei den deutschen Juden jenes berechtigte Solidaritätsgefühl, welches stets in Zeiten der Gefahr