Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 212 (sequence 9)
- Language
- German
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212 Im denlscheii Reich. F e r n t h a l beharrlich fortgesetzten antisemitischen Unfug wandten, gegen den sich die polizeilichen Maßregeln und die wiederholt verhängten Geldstrafen völlig wirkungslos erweisen. Ebenso dürfte es dann als ein Kultur-Rückschritt beurtheilt werden, daß am Ende des 19. Jahrhunderts sich ein deutscher Edelmann und preußischer Amtsvorsteher wie Graf P ü ck l e r in Klein-Tschirne finden konnte, der in zwei „Dreschflegel-Reden" unverkennbar zu Gewaltthätigkeiten gegen seine jüdischen Mitbürger ausforderte, der disziplinarischen Entsetzung als Amtsvorsteher durch zeitweiligen freiwilligen Amtsverzicht, der wohlverdienten Strafe wegen Aufreizung zu m K l a f f e n h a ß aber durch eine dritte öffentliche Rede zu entgehen suchte, in der er zwar einerseits ausforderte, die „kalten Todtengebeine des verfluchten Judentbums zu zerschlagen", andererseits aber auf Grund von Vibelcitaten „die Juden als künftige Träger der Geistes- und Weltherrschaft" bezeichnete. Noch widerlicher als dieser wenig ritterliche Versuch, sich mildernde Umstände für die in Glogau bevorstehende Strasverhandlung zu schaffen, dürste für jeden Unbefangenen die Art sein, wie der Vorsitzende des sogenannten „Deutschen Antisemitenbundes" W i l h e l m Kretzer, die Berliner „Staatsbürger-Ztg.", Sedlatzeck's „(General- Anzeiger", die Magdeburger „Sachsenschau", die Dresdner „Deutsche Wacht" und andere ähnliche Blätter erst die gräflichen „Dreschflegel- Reden" als Reklame verwertheten und wie sich diese Elemente jetzt der Verantwortung für die Verbreitung und Anpreisung dieser strafwürdigen Aufreizungen 311 Gewaltthätigkeiten in künstlichster Weise zu entziehen suchen. Tie Juden werden durch solche Vorkommnisse gefährdet und gekränkt, aber das Judenthum selbst wird von diesen Vorgängen deshalb keinen Nachtheil haben, weil wir in einem Rechlsstaate leben, in welchem solche Verhöhnung der Gesetze nicht ungestraft bleiben kann, und weil diese Ausschreitungen wiederum viele Christen, die bisher über die letzten Ziele der Antisemiten noch im Unklaren waren, über die letzten Folgen dieser sowohl antiliberalen als auch staatsgesährlichen Bewegung ausklärt. Nur durch solche Ausschreitungen können die liberalen Volksvertreter auf die Ehrenpflicht verwiesen werden, in den Parlamenten gegen den offenen und verkappten Bruch verfassungsmäßig verbriefter Rechte mannhaft auszutreten, statt aus Scheu vor dem Vorwurfe, „Judenschützer" zu sein, dies den Sozialdemokraten zu überlassen, die von Zeit zu Zeit für diejenigen das Wort ergreifen, welche sie in gewissem Sinne als „Leidensgefährten" betrachten. Als für das vok: den Steuern aller sachsenweimarischen Staatsbürger erhaltene Karl Friedrich-Hospital in Blanken-