Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 211 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 211 Ganz ebenso nachtheilig wird es sich erweisen, daß die antisemitischen Angriffe auf die an den Berliner Volksschulen wirkenden jüdischen Lehrer und Lehrerinnen nicht sofort diejenige Zurückweisung erfahren haben, welche diese Angriffe verdienten. Es ist jetzt fast gleichgiltig zu erörtern, wem dabei die größere Schuld beizumessen ist. Den Kernpunkt der Frage berührte der Abg. Dr. Hirsch, als er am 10. März im preußischen Abgeordnetenhaus sagte: „Das was uns bei dieser Angelegenheit besonders erregt, ist nicht sowohl das Schicksal der 60 oder 70 Personen, welche augenblicklich als jüdische Lehrerinnen an den Kommunalschulen wirken, sondern das Erregende und Verletzende liegt darin, daß man sieht, daß hier gewissermaßen, weil jemand dem jüdischen Bekenntnisse angehört, von ihm eine schädigende und ansteckende Wirkung auf die Schulkinder anderer Konfessionen angenommen wird. Es ist bei anderer Gelegenheit von einem jüdischen Geist die Rede gewesen. Dem gegenüber behaupte ich: einen jüdischen Geist in dem angedeuteten Sinne kann ich nicht anerkennen in unserem Vaterlande. Hier sind auch die jüdischen Staatsbürger aus deutschen Schulen "hervorgegangen, das Deutsche ist ihre Muttersprache, der deutschen Literatur, Kunst und Wissenschaft widmen auch sie sich in großer Zahl und mit hervorragendem Erfolg. Nur deswegen, weil eine im übrigen verdienstvolle, bewährte Person jüdischer Abstammung und jüdischen Bekenntnisses ist, mit Argusaugen darüber zu wachen und die einschneidendsten Vorschriften darüber zu erlassen, daß nur ja so und so viel jüdische Kinder in der Klasse vorhanden sein müssen, um einigermaßen ihre Lehrthätigkeit zu rechtfertigen — das i st nicht der Standpunkt der Humanität, auf welchem die deutsche Nation seit langer Zeit steht; das sino, wie der verdiente Privatdozent Dr. Preuß bei der Besprechung des Gegenstandes in der Stadtverordnetenversammlung mit Recht geäußert hat, nicht die Wege Lessing's, das sind die Wege des Hauptpastors Götze!" Die Frage ist schon längst nicht mehr, ob das Gleichberechtigungs- Gesetz vom 3. Juli 1869 offen verletzt oder auf Schleichwegen umgangen werden soll, sondern ob das deutsche Volk sich durch eine kleine aber zielbewußte und in ihren Mitteln nicht wählerische Partei von seinem hohen Kulturstandpunkt herabdrängen und zu mittelalterlichen Verhältnissen zurücksühren lassen will. In einer späteren Zeit wird man wahrscheinlich kaum verstehen, daß es nicht Christen waren, welche sich in tiefster Empörung wider den seit Monaten in den belebtesten Straßen Berlins von dem Broschürenhändler Albert Neumann-