Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 208 (sequence 5)
- Language
- German
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208 Im deutschen Reich. den Lebenden, aber wie nach der Hunnenschlacht tobt über den sterblichen Hüllen der im Streite Gefallenen der Geisterkampf weiter. Die Jünglinge, welche einst zu den begeisterten Hörern des antisemitischen Historikers gehörten, fiub heute in Amt und Würden; die von Bamberger prophezeite „Enttäuschung" ist eingetreten, wird aber wahrlich nicht nur von den deutschen Juden bitter empfunden. Zum Glück fehlt es nicht an trefflichen Männern, die mit klarem Blick erkennen, wohin ein ungesundes Streberthum und jene chauvinistische Strömung führten, welche durch ihren angeblich nationalen Charakter gerade die akademischen Kreise verwirren und auf unheilvolle Abwege treiben. Bei seinem Amtsantritt warnte z. B. der neugewählte Prorektor der Heidelberger Universität, Professor Dr. O st h o f f, die Studentenschaft in eindringlichster Weise vor diesem Krebsschaden unserer Zeit, indem er u. a. sagte: „Mit der Unterwürfigkeit und Geschmeidigkeit gegenüber Höherstehenden verbindet sich bekanntlich gar leicht und oft ein Sichüberheben und Sichbesserdünken im Verhältnis; zu Gleichgestellten. Vor nichts möchte ich daher Sie dringender warnen, als vor jeglicher Art von Intoleranz g e g e n Andersdenkende unter Ihren akademischen Mitbürgern. Da genügt, wie heut die Stinunung ist, manchmal der einfache Umstand, daß ein akademischer Mitbürger in einer andern Kirche getauft oder vielleicht auch gar nicht gerauft ist, um flugs dem Argwohn Nahrung zu geben, das; hi.-ter dem Brustlatz des Betreffenden vielleicht ein Defekt der nationalen G e f i n n u n g zu entdecken sein könnte. Das also sei ferne von uns; es giebt mancherlei Formen des.Patriotismus, und diese sollen sich gegenseitig ergänzen und sachlich korrigieren, aber sich nicht unter einander verketzern! Derjenige hat das Richtige erfaßt, der es versteht oder lernt, sei es auf dem Gebiete R'r Wissenschaft, der Religion oder des Staatslebens, aus der gegnerischen Meinung den berechtigten Kern herauszufinden." Solche Meinungsäußerungen sind keine vereinzelten mehr; der stch nur viel zu langsam in der öffentlichen Meinung vollziehende Stimmungswechsel veranlaßt immerhin bereits die judenfeindlichen Blätter zu recht pessimistischen Aeußerungen. In einem „So geht'S nicht" üüerschriebenen Artikel gab die „Kreuz-Ztg." unumwunden zu, daß „die äußere Erscheinungsform der antisemitischen Agitation die Deutschen so wenig anmuthe, daß sie vom offiziellen Antisemitismus am liebsten gar nichts mehr hörten." Das hochkonservative Blatt glaubt mit der heimlich betriebenen, nicht ossiziellen Judenbesehduug bessere Erfolge erzielen zu können und beansprucht dieses Geschäft als Nebenerwerb für den äußersten rechten Flügel der