Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 4 (April 1899)
- Article
- Die Blutanklage und die Blutankläger
- Date
- 1899-04-01
- Page
- 189 (sequence 5)
- Language
- German
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189 Die Blutanklage uni» die Blutankläger. macht"), wird die Blutanklage zum ersten Male 1171 (in Blois) gegen Juden erhoben"). Diese Blutanklage gegen Juden ist sichtbar ein mönchischer Kunstgriff. Um sich von der tief im. Volke wurzelnden abergläubischen Beschuldigung zu reinigen, hat das diplomatisch vorgehende Mönchsthum") dieselbe dem Sündenbock des Mittelalters, den Juden, aufgehalst. Daß ihm dieser Versuch geglückt ist, darf nicht Wunder nehmen. Die geheimnißvollen, dem ungebildeten Christen unverständlichen Bräuche des Judenthums ließen ja in den Juden schon an sich die Besitzer besonderer Kräfte und Künste vermuthen, denen man sehr wohl die Verwendung von Menschenblut zu Zauberzwecken zutrauen durfte. Ich stehe mit dieser Behauptung durchaus nicht allein. In den bei GroenneiruS (Chronik 1585, S. 622) angeführten Geständniffen heißt es' sogar, daß die Dominikaner das Blut und die Augenbrauen eines jüdischen Kindes bei heiligen Handlungen verwendet hätten, und- G. Fr. Daumer bezeichnet in seinem Buche: „Die Geheimnisse des christlichen Alterthums" II 257 ") gradezu die christlichen Geistlichen als die Mörder aller angeblich von Juden getödteten Kinder. Ja, Daumer ist von der Fülle und Beweiskraft der gegen Christen in alten und neuen Tagen auftretenden Blutanklagen derartig niedergeschmettert, daß er felsenfest glaubt, daß das Urchristenthum ein Blutritual besessen habe. Wenn aber sogar Gelehrte — eine bittere Satire auf die modernen „Gelehrten", welche den Juden den Gebrauch von Christenblut „wissenschaftlich" Nachweisen wollen — auf Grund ihrer Studien zu derartigen thörichten Neberzeugungen gelangen können, so wird man den Pöbel des Mittelalters und der Neuzeit entschuldigen dürfen, welcher durch gewissenlose Hetzer und Verläumder zu solchem Wahnglauben verführt wird. lr>) Ich erinnere zum Ueberflus; an Temme lVolkssagen von Pommeni und Rillen S. 116), der von Menschen, die von Mönchen geraubt und getöbtct wurden, allerlei zu erzählen weis;, und an die Volksüberzeugung, das; die barmherzigen Brüder in Graz das Privileg besitzen, alljährlich ein Menschenleben für Heilzwecke ausbeulen zu dürfen l.Fossel, Steiermark S. 172). w) Sogar die „Antisemitische Korrespondenz" schreibt «Parmod, Antisemitismus und Strafrechtspflege 1894, S. 60): „Das; im Talmud der Aitualmord gepredigt wird, ist niemals von Antisemiten behauptet worden." l7) Mau denke an die Christianisierung heidnischer Gebräuche u. dgl. m. lö) Hamburg 1847.