Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-02-01
- Page
- 93 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 93 auch den Religionsunterricht seiner Kinder. Obwohl der Philister des Vereins israelitischer Studenten nicht daran glaubt, daß. Gott die Welt gerade an bestimmten Oktobertagen etwa vor 6500 Jahren geschaffen habe, so geht er doch an diesen Tagen jährlich einmal in die Synagoge, und bei der Einweihung eines neuen Tempels hält er gar eine zündende Ansprache. Er hoffte datz etwa nach 2 Jahrzehnten auch seine Knaben die Universität beziehen und dann wieder Mitglieder des Vereins israelitischer Studenten werden; doch kann er die bange Sorge nicht unterdrücken, datz vielleicht auch in Deutschland die Zeit kommen wird, wo Israeliten, wie dies in Nutzland der Fall ist, nur in beschränkter Zahl zum Universitätsstudium zugelassen werden. Auch durch diese Sorge wird der Philister des Vereins israelitischer Studenten nicht beirrt; der Zufall der Geburt, der ihn gerade als Israeliten hat geboren werden lassen, hat für ihn eineunwiderstehliche Macht. Er bleibt eben dem Glauben seiner Väter treu, wohlgemerkt, dem Glauben — seiner Väter; denn er selbst har feinen Glauben, er ist Rationalist, und jedenfalls steht er den Wundern des Alten Testaments ebenso verneinend gegenüber, wie denen des Neuen. Schon vor etwa zlvanzig Jahren hat T h e o d o r M o m nts en seine Verwunderung darüber ausgesprochen, datz die Juden, die das Judenthum völlig überwunden haben, die christlich-deutsch denken und fühlen 00, in jenem anachronistischen Bau, dem sie doch nur durch den Zufall der Geburt angehören, verbleiben; warum sie nicht in Schaaren aus dem Judenthum austreten, sei es, um Christen zu werden oder als Dissidenten zu leben; warum sie nicht wenigstens ihre Kinder jener Gemeinschaft frühzeitig entfremden und dem Christenlhum zuführen, nach dem bekannten Grundsätze, datz das Kleinere im Grötzern, das Schlechtere im Bessern aufgehen mutz. Der Philister des Vereins israelitischer Studenten ist für solche Erwägungen nicht empfänglich." Wenn Theodor Mommsen diese ihm von den „Grenzboten" zugeschriebene Bemerkung wirklich gemacht hat, so würde dies nur die Richtigkeit des Satzes beweisen, daß „nicht alle frei sind, die ihrer- Ketten spotten". Versteht er unter „christlich-deutsch" etwa einen Gegensatz zu „christlich-französisch"? Was hat die Religion mit der Nationalität zu schaffen? Wenn wir in Schaaren aus dem Judenthum zum Christentum übertreten oder wenigstens unsere Kinder diesem zuführen sollen, weil das Schlechtere im Bessern, das Kleine im Größeren aufgehen müsse, dann müßte man uns mindestens vorher überzeugen, daß die christlichen Dogmen nicht größere Zumuthungen an unsere Vernunft stellen, als die, „daß Gott vor 6500 Jahren die Welt geschaffen hat." Daß in manchen kleinen jüdischen Gemeinden.