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Im deutschen Reich · 1899-02-01 · Heft 2 (Februar 1899) · p. 90

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 2 (Februar 1899)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1899-02-01
Page
90 (sequence 3)
Language
German
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deutschen Reich ertragen können? Wenn wir heute mit ansehen, wie in Frankreich der Antisemitismus durch Lüge und Fälschung, durch brutale Drohungen und hochverrätherische Machenschaften die Gerechtigkeit niederschreit, das Volk in athemlose Aufregung versetzt und den Staat an den Rand deS Verderbens führt, so ist das auch für unS eine Warnung, wohin wir eS nicht kommen lasten dürfen. Aber auch auf das I u d e n t h u m selbst hat der Antisemitismus ungünstig gewirkt. Was in tausend Jahren an den Juden gefehlt worden ist, konnte natürlich in den dreißig und vierzig Jahren nicht mit einem Mal gut werden; und doch war die Verschmelzung und Angleichung des jüdischen und deutschen Wesens auf dem besten Wege. Dieser Prozeß aber wurde gestört und gehemmt durch die Feindseligkeit des Antisemitismus. Er hat die' Kluft, die sich langsam zu schließen ansing, auf's neue ausgerissen und erweitert und damit gerade das Gegentheil von dem erreicht, was er anzustreben vorgab. Er hat bis jetzt fast nur zersetzend, fast nirgends wirklich reinigend und aufbauend gewirkt, und deshalb kann ich ihn nicht zu den gesunden, sondern nur zu den Krankheitssymptomen unserer Zeit rechnen." Eigenthümlicher Weise streift Ziegler in seinem Werke nur ganz leise jene mächtige Förderung, welche die antisemitische Bewegung durch den Staatssozialismus erfuhr, der den privaten Unternehmungsgeist und den bürgerlichen Unabhängigkeilssinn lähmte, und durch jene rücksichtslose Staatskunst, welche allen Interessengemeinschaften glänzende Aussichten eröffnete, um dieselben ihren Zwecken gefügig zu machen. Dieser Staatslunst war die von ihr nicht direkt ausgehende Bekämpfung des Judenthums willkommen, weil durch dessen Zurückdrängung nothwendig auch andere Errungenschaften des Völkerfrühlings von 1848 zu Grunde gerichtet werden mußten. Und dies ihr vielleicht weit wichtiger als eine Einschränkung der Emanzipation erscheinende Ziel, die Zertrümmerung des Liberalismus und d i e Wiederverbreitung mittelalterlicher Anschauungen, ist leider nahezu erreicht worden. Das haben jene Staatskünstler freilich dabei nicht berücksichtigt, daß wohl der Sinn für Adelsprivilegien und Zunftvorrechte, nicht aber der monarchische Geist gefördert werden konnte durch Erweckung der Begehrlichkeit zahlreicher Interessengruppen, durch Ausbreitung der materiellen Richtung in den weitesten Kreisen, durch Abweichung von den edelsten Hohenzollern-Traditionen vorurtheilsloser Duldsamkeit und Gastfreundlichkeit und durch Anlehnung an jene Kasten, gegen welche die brandenburgischen Fürsten einst ihre Macht erst mit Hülfe der Städte zu befestigen hatten. In den Fußstapfen jener Ritter, die an die Kämmerthüre ihrer Fürsten hochverrätherische

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