Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1899-02-01 · Heft 2 (Februar 1899) · p. 89

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 2 (Februar 1899)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1899-02-01
Page
89 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316650-2316653--04993-2323743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 89 allgemeinen. aber um ihrer willen als eine jüdisch« oder von Juden geleitete Coterie anzusehen, ist schön früher als falsch zurückgewiesen worden. DaS Philosemitische in ihm hängt mit seinem Liberalismus, seinem Eintreten für alles zusammen,' was Emanzipation heißt. — Das Jahr 1848 brachte den Juden die volle bürgerliche Gleichberechtigung. Die Versuche der reaktionären Partei in Preußen, sie ihnen in den fünfziger Jahren wieder zu entziehen, scheiterten, nur auf dem Verwaltungswege konnten ihnen die prinzipiell zugestandenen Rechte im einzelnen Fall verkümmert werden. Unter Kaiser Wilhelm I. fielen namentlich in der liberalen Aera der siebziger Jahre auch diese Beschränkungen von Fall zu Fall weg; im Parlament machte sich L a s k e r ' s Einfluß nach dieser Seite hin geltend; Leonhardt als Justizminister, Falk als Kultusminister trugen kein Bedenken, Juden in ihren Ressorts anzustellen, und auch Bismarck galt, schon wegen seiner Beziehungen zu B l e i ch r ö d e r, für judenfreundlicher, als er es vielleicht thatsächlich war. Allein die Keime zu einem neuen Umschwung reichen eben in jene Zeit zurück. Im Zusammenhang mit dem Sieg und dem Fünf-Milliarden-Segen kam der gewaltige Aufschwung der Industrie auf der einen, und auf der anderen Seite das Spekulationsfieber der Gründerperiode mit ihrer wahrhaft erschreckenden Corruption. An dem Tanz um das goldene Kalb waren jüdische Bankhäuser in hervorragender Weise betheiligt, namentlich so, daß sie führten, und dann freilich Christen aus allen Kreisen, auch die höchsten nicht ausgenommen, sich nur zu gern anführen und verführen ließen. Auf der anderen Seite darf nicht vergessen werden, daß im preußischen Landtage der Jude L a s k e r 1873 zuerst muthig den Finger in diese Eiterbeule legte und den Reinigungsprozeß dadurch energisch einleitete." Ziegler betont, daß, nachdem der unausbleibliche Krach erfolgt sei, man die Juden zum Sündenbock und besonders O t t o G l a g a u sich mit perfiden Insinuationen gegen die Juden zum Sprecher dieser Anklagen gemacht habe. Ziegler schildert sodann den Anfang der Stöcker' schen Bewegung und die Persönlichkeit ihres Urhebers, sowie das nationalpathetische Eingreifen Treitschke's in diese Bewegung und die temperamentvolle Weise, in welcher dieser in seiner „Deutschen Geschichte" dem Antisemitismus die Zügel schießen ließ. „Unser moderner Staat," heißt es in Ziegler'S Werk nach einem Ueberblick über das allmähliche Anwachsen des Antisemitismus, „ist nicht christlich und nicht einmal ausschließlich germanisch: an seinen Rändern gehören Polen, Dänen, Franzosen zu ihm; sollte er also die paar hunderttausend Juden nicht auch noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.