Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-02-01
- Page
- 88 (sequence 1)
- Language
- German
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88 Umschau. der vorurtheilslosesten Gelehrten der Gegenwart, Professor Dr. TheobaldZiegler in Straßburg, widmet in feinem Werke „Die geistigen und soziale» Strömungen deS neunzehnten Jahrhunderts" auch der antisemitischen Bewegung «ine längere Betrachtung. Er nennt dabei den Antisemitismus „eine der bedeutsamsten, aber auch unerfreulichsten Erscheinungen und Stimmungs-Elementen des 6» äe Male". Dabei ist Ziegler keineswegs für die Juden besonders eingenommen; er hebt einzelne Schäden derselben hervor, ist aber gerecht genug, für diese hauptsächlich die Unduldsamkeit der Nichtjuden verantwortlich zu machen. Ziegler schreibt: „Am Anfang des Jahrhunderts stehen Schleiermacher's Freundschaft mit Henriette Herz und Fr. Schlegel's Beziehungen zu DorotheaVeit und damit eine Verbindung gerade der gebildetsten Männer aus dem romantischen Kreis mit jener jüdischen Berliner Gesellschaft, die den Bemühungen von Moses Mendelssohn ihre Erfüllung mit deutscher Kultur und Bildung verdankte und vor allem für Goethe schwärmte. Allein, je mehr die Romantik christlich und kirchlich wurde, desto mehr wurde sie antisemitisch. Namentlich zeigte sich das in der deutschen Burschenschaft mit ihren christlich - germanischen Anschauungen und Lebensformen, und so konnte, wie heute wieder, damals schon die Frage aufgeworfen werden, ob Juden in die Burschenschaft Aufnahme finden können. In gelegentlichen Ausbrüchen des Mob in verschiedenen deutschen Städten zeigte sich der Unwille des Volkes über den jüdischen Besitz, der durch das geschicktere, sparsamere und nüchternere Wesen der Juden den Vorsprung gewann, bei vielen aber allerdings auch auf skrupelloserer und vor Wucher nicht zurückschreckender Geschäftsgebahrung beruhte. Es hing das mit der Art zusammen, wie die Christen jahrhundertelang die Juden auf den Handel eingeschränkt und gezwungen hatten, den Verfolgungen und Aussaugungen gegenüber List zu gebrauchen; die Ruthe des jüdischen Wuchers haben sich die Christen selbst gebunden. Die Romantik war antisemitisch geworden; im Mittelalter hatte man die Juden ja auch verfolgt. Um so selbstverständlicher, daß das junge Deutschland judenfreundlich dachte, wenn wir auch davon absehen, daß B ö r n e und Heine Juden waren; das „junge Deutschland" im