Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-02-01
- Page
- 79 (sequence 5)
- Language
- German
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Lin verkanntes Proletariat. 79 auslegten: Die Rabbiner konnten sich nicht von ihren Schülern bezahlen lassen und waren daher fast immer genöthigt, sich ihren Lebensunterhalt durch Handarbeit zu verdienen. So sind alle Rabbiner in Palästina und Babylonien feit dem ersten Jahrhundert v. Ehr. Landwirthe und Handwerker. In dem Repertorium talmudioum4 * * 7) findet sich eine Liste von 53 Rabbinern, die ein Handwerk ausüben: Bäcker, Schuhmacher, Gerber, Tischler, Erdarbeiter, Todtengräber, Schmiede, Färber, Schneider rc. rc. Und wie hoch die Handarbeit bei den Juden geschätzt wurde, davon legen zahlreiche Talmudstellen beredtes Zeugniß ab, z. B. „Liebe die Arbeit"/) „Wie geliebt ist das Handwerk vor dem Schöpfer der Welt"^), „Laß deinen Sohn ein passendes Handwerk erlernen"). „Ebenso, wie man verpflichtet ist, seinen Sohn zu ernähren, ist man auch verpflichtet, ihn ein Handwerk erlernen zu lassen" 8 * 10), „Wie groß ist das Handwerk, _ es ehrt seinen Meister"8), „Die schönste Arbeit ist die Landarbeit; wenngleich sie weniger einträglich ist, soll sie doch jeder andern vorgezogen werden."1#) „Verarbeite das Aas auf dem Platze, nimm deinen Lohn und sage nicht: das ist zu erniedrigend für mich."") Diese wenigen Stellen beweisen zur Genüge, in welchem Maße das Handwerk bei den Juden geschätzt und wie sehr es ihnen von den Rabbinern empfohlen wurde. Das ganze Mittelalter hindurch bis zu den Kreuzzügen waren die Juden aller Länder fast sämmtlich Handwerker, ja sogar Ackerbauer. „Diese althergebrachte Beschäftigung mit Gewerbe und Ackerbau setzt sich bei den Juden des Mittelalters so lange fort, als es ihnen möglich ist. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts <vor 1173) traf Benjamin von Tudela auf seiner berühmten Reise überall Handwerk- und ackerbautreibende Juden: Färber in Brindisi, bei den Drusen, auf St. Georg, in Jerusalem, Bethlehem, Jaffa und anderen Städten Palästinas; Seiden- und Purpurarbeiter in 4) M. D. Cahen. Repertorium talmudicum. 1877. S. 311 u. 313. 6) Mot 1, 10. ü) Tosjifta Baba Mama. Kap. 4. 7) Mi sch na Kidduschim, IV, 13. H) Kidduschim, 38b. I. 20. u) Nedarim 40b, l. 5, unten. 10) Jedamot, 03 a. J1) Pesiaäüm, 113 a.