Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-02-01
- Page
- 77 (sequence 3)
- Language
- German
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<£ht verkanntes Proletariat. 77 jüdische Raffe, (falls überhaupt eine solche existiert) durch eine besondere Vorliebe für das Geld gekennzeichnet werde, und daß der Jude die körperliche Arbeit verschmähe. Nur Böswilligkeit, einseitiger Parteistandpunkt oder völlige Unkenntniß der jüdischen Geschichte können zu der Behauptung führen, daß der Geschäftstrieb und der Abscheu vor jeglicher Arbeit dem Juden gewiffermaßen im Blute liege. Die ganze Geschichte der Juden beweist uns gerade das Gegentheil, und wenn sich heut zu Tage in manchen Ländern die Juden in ihrer großen Mehrzahl mit Vorliebe dem Handel zuwenden, so hat das seinen Grund darin, daß die Christen sie Jahrhunderte lang in diesem Geiste erzogen haben und leider auch heute noch in manchen Staaten darin fortfahren. Nichts lag dem jüdischen Volke während seiner Unabhängigkeit ferner,'als Handel und Geldgeschäfte. Im Gegensatz zu den übrigen Völkern Asiens, z. B. den Phöniziern, erscheinen die Juden vorwiegend als Hirtenvolk. Dann erlernen sie während ihrer Knechtschaft in Egypten den Ackerbau, treten zuerst in Kanaan historisch als ackerbautreibendes Volk auf und bleiben es bis zum Untergang des Reiches Israel und der babylonischen Gefangenschaft (587 v. Chr.). Die Bibel enthält, abgesehen von ihremrein religiösen Inhalt, eine Sammlung von sozialen Gesetzen, die in gewissem Sinne weiter vorgeschritten sind als die Vorschriften in unseren modernen Staaten. Und weisen nicht die in der Bibel erwähnten religiösen Feste: das Osterfest im Aehrenmonatch, das Erntefest, Pfingsten-) und das Einsammlungsfest, Laubhüttenfest * * 3), ebenso wie die zahlreichen Ceremonien, namentlich die Darbringung der Erstlinge, die in Jerusalem mit besonderer Pracht gefeiert wurde, weisen sie nicht alle deutlich auf den Ackerbau hin? Aus dem Umstand, daß König Salomo genöthigt war, Phönizier zum Bau des Tempels heranzuziehen, wird häufig gefolgert, daß die Juden niemals Arbeiter besessen hätten. Diese Behauptung entbehrt jeder Begründung. Es haben keineswegs Arbeiter und Handwerker bei der Erbauung des Tempels gefehlt; ') 2. Mos. 23, 15. -» 2. Mos. 23, 16. 3) Ebenda.