Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1899)
- Article
- Antisemitismus und Medizin
- Date
- 1899-01-01
- Page
- 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Antisemitismus und Medizin. tz schmückt, heimgekehrt. Noch heute leben allein in Berlin 30 dieser Männer, deren pflichtgetreue Berufserfüllung offizielle Anerkennung gefunden hat, und weit mehr noch sind inzwischen zur großen Armee abberufen worden, wo jeder Unterschied von Rang, Geburt und Glauben aufhört. ES ist kennzeichnend für die Logik des ganzen Antisemitismus, daß sich feine Anhänger über die Verjudung des ärztlichen Standes beklagen, die zum großen Theil doch nur eine Konsequenz antisemitischer Politik ist. Gerade so lächerlich wirkt auf jeden denkenden Menschen das oft angestimmte Klagelied der Antisemiten, daß die Zahl der jüdischen Aerzte in den Großstädten so überhand nimmt. Für diese Erscheinung, die an sich nicht bestritten werden soll (in Berlin beispielsweise beträgt die Zahl der jüdischen Aerzte nach dem neuesten Gemeindewählerverzeichniß etwa ein Drittel der gesammten Berliner Aerzteschaft), sind gewiß vielfach noch andere Gründe vorhanden, aber sicher ist, daß gerade der Antisemitismus mit dazu beigetragen hat, die jüdischen Aerzte aus der Provinz, in der sie um ihres Glaubens willen kränkenden Verfolgungen ausgesetzt sind, in die Großstadt zu treiben. Bedarf es der Belege für diese offenkundige Thatsache? Für den Optimisten, dem diese Schilderung zu schwarz erscheinen könnte, will ich wenigstens einen Nachweis bringen. Im Anschluß an einen „Konfessionalität in der Medizin" überschriebenen Artikel des Prof. Eulenburg, der die mittelalterliche Intoleranz beklagt, die noch heute zwischen jüdischen, evangelischen und katholischen Aerzten Unterschiede konstruiert, bemerkt ein Mitarbeiter der „Staatsbürger-Zeitung" (Nr. 537, 1898): „Es dürfte kaum einem Arzte jüdischer Nationalität gelingen, hier im Schleswigschen, wo seine Stammesgenossen noch nicht schaarenweise eingezogen sind, eine einträgliche Praxis zu finden; ja man kann ruhig behaupten, daß sich hier in den kleinen Städten und auf dem Lande kaum ein Kranker finden würde, der einen jüdischen Arzt herbeiriefe, so lange ein deutscher nur irgendwie aufzutreiben wäre; es müßte ihm schon das Messer an der Kehle sitzen." So liegen die Dinge, und was Berlin betrifft, so sind die ärztlich.sozialen Verhältnisse im allgemeinen sicherlich nicht so verlockender Natur, daß die jüdischen Aerzte, nur ihrem „Geschäftssinne" folgend, die Residenz zum Felde ihrer Berufsthätigkeit