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Im deutschen Reich · 1898-12-01 · Heft 12 (Dezember 1898) · p. 645

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 12 (Dezember 1898)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1898-12-01
Page
645 (sequence 11)
Language
German
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Umschau. 645 nicht anerkennen oder nicht billigen möchte, die Empfindung haben, daß dieser auf einer minderen kulturellen Stufe stehe. Treffend kennzeichnete der „Pester Lloyd" die durch diese Aeußerung geschaffene Lage mit den Worten: „Wie depraviert die tatsächlichen Verhältnisse in Bezug auf die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichstellung aller Staatsbürger find, wird am besten daraus ersichtlich, daß schon jene rein akademisch ausgesprochenen Thesen des Minister-Präsidenten eine gewisse Befriedigung in den freisinnigen Kreisen der Bevölkerung hervorgerufen haben, und daß man darüber die Frage vergißt, ob denn der Staat selbst und seine Organe in dem fraglichen Belange seine Pflicht thut, ob die Thaten der Regierung mit den Worten ihres Chefs sich decken. Man ist genügsam geworden, sehr genügsam, man will die Hoffnung nicht aufgeben, daß es besser werde, und klammert sich krampfhaft an den Strohhalm einer flüchtigen Redewendung ..." . Durch die zaghafte Art, mit welcher die französische Regierung dem mit den Antisemiten verbrüderten übermüthigen Prätorianerthum gegenüber sich gebärdet, ist in Frankreich die Gefahr der Anarchie bedeutend verstärkt worden. Der Dreyfus-Prozeß beschäftigt die öffentliche Meinung schon nicht mehr so sehr als die Affäre des Obersten Picquart, der weder Jude ist, noch von Juden stammt, obgleich deutsche Antisemitenblätter, insbesondere auch Stöcker's „Volk", stets nur von dem „Juden Picquart" schreiben. Die „Kreuz-Ztg." läßt aber bereits die erbittertsten Gegner Picquart's fallen und sucht nur den Antisemitismus von der Mitschuld an den von jenen verübten Dingen zu befreien. Sie schreibt: „Der Dreyfus- Prozeß zeigt, daß Materialismus und Selbstsucht, Abwesenheit von „86Q8 moral“ und Pflichtgefühl auch die Armee oder wenigstens deren Spitzen nicht verschont haben. Nicht der Antisemitismus ist schuld an der Gewissenlosigkeit eines Esterhazy, Paty du Clam, Henry, Zurlinden oder Boisdeffre. Aber es soll zugegeben werden, daß die goldene Internationale den Fall Dreyfus geschickt ausgebeutet hat, um ihre patriotischen Gegner für die Sünden jener republikanischen Offiziere verantwortlich zu machen. Nur so versteht man, warum sie sich mit ihrer gewaltigen Presse so eifrig für Dreyfus in's Zeug legte. Für das nichtjüdische Opfer eines Justizirrthums würde sie in der That ganz sicher nicht halb so viel gethan haben. Die genannten Offiziere mitsammt den fünf Kriegsministern und den anderen Strebern des Generalstabes, dhr sich in diese schmutzige Sache haben verwickeln lassen, sind eben Kinder ihrer Zeit, die echten Söhne der Republik, die an ihrem Materialismus zu Grunde geht." Aber

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