Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 644 (sequence 10)
- Language
- German
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644 Im deutschen Reich. Rom giebL seinen Segen dazu. Verhülle Dein Haupt, Germania, wenn der Stadt Wim schöner Bürgermeister daherkommt. Römlinge find seine Ohrenbläser; weihrauchbenebelt huldigt ihm die Menge. Er ist sogar deutsch, wenn er nicht anders kann, aber Rom ist ihm lieber als Bismarck." Auch in diesen Ausführungen zeigt sich übrigens die antiklerikale Gesinnung, welche Liebermann von Sonnen» berg mit Rücksicht auf verschiedene Wahlvorkommnisse so entrüstet in Abrede gestellt hat. Bei der Judenhetze findet er sich mit dem von ihm jetzt angefeindeten Wiener Bürgermeister Lueger und ähnlichen Antisemiten doch stets wieder freundschaftlich zusammen! In dem Artikel „Lueger oder Wolf" pries das Organ Liebermann's den letzteren als einen offenen, ehrlichen und ritterlichen Charakter und setzte dann hinzu, „Lueger ist trotz seines Antisemitismus und seiner glänzenden Begabung in nationaler Beziehung im allergünstigsten Falle ein unsicherer Kantonist". Wenn die politischen Verhältnisse in Oesterreich arg zerfahren sind, wenn die leitenden Staatsmänner sich seit Jahren fortwährend gezwungen sehen, sich auf nichtdeutsche Parteien zu stützen, trägt nicht das Haus Habsburg, nein, es tragen vorzugsweise die Antisemiten daran die Schuld, deren wüste unpatriotische Wühlerei das Zusammenhalten der Deutschen in Oesterreich unmöglich machte und das Vertrauen auf die Loyalität eines großen Theils der letzteren in den Negierungskreisen arg erschütterte. Der österreichische Ministerpräsident Graf Thun irrt sich aber gewaltig, wenn er die Befferung dadurch herbeizuführen glaubt, daß er nur gegen die „Deutsch- Nationalen" energisch Front macht, aber mit den klerikalen Antisemiten sich verträgt, wenn er im österreichischen Abgeordnetenhause zwar gegen den Antisemitsmus spricht, die Gewaltherrschaft und Gesetzesverletzungen des judenfeindlichen Wiener Magistrats aber ruhig zuläßt. Wenn seinen Worten Thaten folgen, dann wird auch Vieles nicht nur in Wien, sondern auch in Galizien bester werden, wo trotz des Ausnahmezustandes die Juden noch immer arg bedrängt und gefährdet sind. Immerhin wirkte es auf die Antisemiten im österreichischen Parlament wie ein Keulenschlag, als am 22. November noch nach der dreistündigen Minister - Anklagerede des Abgeordneten Daszynski Graf Thun kurz und bündig erklärte, die Juden seien völlig gleichberechtigte Bürger des Staates und es sei Pflicht des Staates, jeden Bürger des Staates, ganz gleich, ob er Jude oder Christ sei, oder welcher Nationalität er angehöre, zu schützen. Er selbst werde Jedem gegenüber, der im hohen Hause jene Grundsätze etwa