Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Konfessionelle Kandidaturen
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 624 (sequence 18)
- Language
- German
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824 3m deutschen Reich. beiden Männer nicht gewußt, die in jener Wahlmännerversammlung Friedemann nicht wählen wollten, weil er ihres Gleichen sei. Welcher Katholik würde, wenn z. B. in der nationalliberalen Partei ein katholischer und ein evangelischer Kandidat zur Auswahl gestellt würde, dann auftreten und seine Glaubensgenossen wamen, den Katholiken zu wählen, weil er ein Katholik ist! Wer wird als Lehrer dem Lehrer, als Anwalt dem Anwalt eeteris paribus lediglich aus dem Grunde der Berufsgemeinschaft die Stimme versagen, wenn wichtige Berufsintereffen in Frage stehen? Darauf allein kommt es an, ob wir uns bewußt geworden sind und dessen gewiß sein dursten, daß der Mann unserer Wahl unser Interesse nur im Einklang mit dem Gesammtinteresse des Vaterlandes wahren würde und davon sind wir bei der Kandidatur Friedemann überzeugt gewesen und dursten es sein, da die Kandidatur der Parteileitung selbst genehm gewesen ist, und deshalb haben wir geglaubt, es mit unserem Gewissen vereinbaren zu können und unserer Ehre und unserem Rechte schuldig zu sein, daß wir offen und ehrlich erklärten: „Uns ist von den Kandidaten der Volkspartei der Jude Friedemann der genehmste, weil er alle Qualitäten hat, die ein liberaler Kandidat erfüllen muß, und weil er obendrein der Mann ist, der, wenn es noth thut, in der gegenwärtigen Zeit, das Nöthige thun wird, um die Jntereflen des Judenthums in Einklang zu bringen mit den allgemeinen Interessen des Vaterlandes." (Lebhafter Beifall.) Und nun, meine Herren, das Letzte. Man hat gefragt, was wir erreicht haben. Ich habe von vornherein erklärt, daß ich die Bilanz unseres Vorgehens nicht ziehen würde. D i e Frage möchte. ich aber Ihrer Beantwortung anheimgeben: ob wir das Mandat Hirsch bekommen hätten, wenn wir die Kandidatur Friedemann nicht verlangt hätten, wenn wir nicht gleich hervorgehoben hätten, daß das sachliche Interesse der Gesammtheit und der Judenschaft er erfordert, daß ein Jude in das Parlament gewählt werde. Aber wie dem auch sei. Mühelos fallen die Früchte den Menschen nicht in den Schoß, in politischen Dingen vor allem ist der Kampf die Hauptsache. Darauf zu warten, daß die fortschreitende Zeit uns unser Recht bringen, daß die Morgenröthe eines kommenden Tages Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit über die Welt erstrahlen. lassen und auch den Juden ihre staatsbürgerliche Gleich-