Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Konfessionelle Kandidaturen
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 619 (sequence 13)
- Language
- German
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Konfessionelle Kandidaturen. 610 sei kein politischer, sondern ein religiöser Verein, wovon jeder sich überzeugen könne, der das Adreßbuch aufschlage, da der Verein dort unter den religiösen Vereinen figuriere. (Heiterkeit und Bewegung.) „Ich habe Briefe hier — so fuhr jener Wahlmann fort —, worin der Central-Verein seine Mitglieder auffordert, Herrn Friedemann zu wählen! Wie ist denn, so fragte jener Wahlmann, diese Kandidatur zu Stande gekommen? Da ist der Central-Verein mit dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus zusammengetreten, hat,ein Komitee gewählt, in dem drei Rabbiner gesessen haben, und dieses Komitee hat als jüdischen Kandidaten den Justizrath Friedemann ausgestellt!" Auch dieser Wahlmann, der das in der Wahlmänner-Versammlung als seine Weisheit zum Besten gab, ist ein Jude gewesen; wir wollen in Nachsicht ihm vergeben, was er gesagt hat, denn er hat selbst gesagt, er sei verbittert, seine Glaubensgenossen, die Juden hätten ihn schon ein paar Mal schlecht behandelt. (Heiterkeit.) Daß eine Verbindung des Central-Vereins und des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus nicht stattgefunden hat, brauche ich Ihnen, meine Herren, erst nicht zu versichern, und daß Herr Friedemann nicht dadurch zu einem konfessionellen Kandidaten geworden ist, daß eine Reihe von Juden sich für seine Wahl interessiert hat, wird einer ernsten Widerlegung nicht bedürfen. Liegt nun aber eine konfessionelle Kandidatur etwa um deswegen vor, Mil nach unserer weiteren Begriffsbestimmung Herr Friedemann ein Abgeordneter ist, der dazu bestimmt ist, konfessionelle Politik zu treiben, ein jüdisches Centrum zu inaugurieren und jüdische Sonderinteressen zu verfolgen? Auch diese Frage ist unbedingt zu verneinen. Wer hat das Recht, an den Worten des Herrn Justizraths Friedemann, an der Aufrichtigkeit seines Programms zu zweifeln; hat er erklärt, daß er sich seiner Pflicht als Mitglied der Volkspartei, seiner Stellung als deutscher liberaler Abgeordneter bewußt sei, daß er kein anderes Mandat anerkenne, als das, das Interesse des Gesammtvaterlandes zu vertreten, und hat die Parteileitung ihn als einen Mann befunden, zu dem sie das Vertrauen hat, daß er ihr Interesse und nicht jüdische Sonderinteressen fördern werde, wer will da wagen zu zweifeln und zu verdächtigen? Aber auch wenn Herr Juftizrath Friedemann solche Versicherungen nicht abgegeben hätte — ich frage Sie um alles in der Welt, giebt es