Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Konfessionelle Kandidaturen
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 618 (sequence 12)
- Language
- German
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618 Im deutschen Reich. es verschmähe, seine parlamentarische Thätigkeit in den Dienst einer Interessengruppe zu stellen. Er sei sich dessen bewußt und stets bewußt gewesen, daß er die Rechte der Gesammtheit wahrzunehmen habe; allerdings fühle er sich als Jude auch besonders geeignet und geneigt, diejenigen Angriffe abzuwehren, welche die Antisemiten auf die Gleichberechtigung der Konfessionen und damit gegen ein großes Prinzip des Liberalismus richteten. Die Versammlung freisinniger Urwähler hat demnächst mit großer Majorität beschlossen, mit sechs anderen Kandidaten den Justizrath Friedemann den Wahlmännern zu präsentieren. Noch ehe es zur Wahlmänner-Versammlung kam, wurde gegen Herrn Friedemann Stimmung durch das Schlagwort gemacht, er werde als konfessioneller Kandidat der Partei aufoktroyiert. Das verfing nicht; denn gar bald wurde offiziell, oder wenn Sie es wollen, offiziös in der „Freisinnigen Zeitung" erklärt, daß die Parteileitung gegen die Kandidatur des Justizraths Friedemann nichts einzuwenden habe. Und in der Versammlung, in der die Wahlmänner unter den sieben Kandidaten sich über die definitiv zu wählenden drei Abgeordneten schlüssig machen sollten, hat als offizieller Vertreter der Parteileitung Justizrath Munckel den Wahlmännern vorgeschlagen: die bisherigen Abgeordneten Träger, Hermes und an Stelle des ausscheidenden Parrisius entweder Friedemann oder Hirsch zu wählen. So standen die Dinge, als ein Jude auftrat, der sich in seinem liberalen Gewissen dadurch bedrückt fühlte, daß man einen Juden aufstelle und sich bemüßigt fühlte, den Wahlmännern offen heraus zu erklären, er sei als Jude dagegen, daß ein Jude gewählt werde! (Lebhafte Bewegung. Rufe: Pfui!) Und als dem entgegengetreten und darauf hingewiesen wurde, wie in der Urwähler- Versammlung bereits der Justizrath Friedemann alle Unterstellungen zurückgewiesen, sich dagegen verwahrt habe, als Kandidat einer konfessionellen Gruppe aufgestellt zu werden, erklärt habe, sich dessen bewußt zu sein und immer gewesen zu sein, daß er die Rechte der Gesammtheit wahrzunehmen habe und wie seine Ausführungen und Versicherungen den Beifall der Urwähler - Versammlung gefunden hätten, da trat ein anderer Wahlmann auf und erklärte mit großer Lebhaftigkeit, die Kandidatur Friedemann sei doch eine konfessionelle Kandidatur, eine Kandidatur des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Dieser Central-Verein