Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Konfessionelle Kandidaturen
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 611 (sequence 5)
- Language
- German
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Konfessionelle Kandidaturen. 611 mäßigen Rechte, wenn wir die durch die Verfassung gewährte Gleichberechtigung in der Praxis verwirklichen wollen, wenn wir von den Gerichten und von den Behörden die Anerkennung unserer Gleichberechtigung verlangen, dann kann garnicht daran gezweifelt werden, daß wir insoweit ein politischer Verein sind. Hat man doch Arbeitervereine, welche die soziale Stellung ihrer Mitglieder zu heben bestrebt sind, die behufs Erlangung günstigerer Lohnbedingungen die Hilfe des Staates in Gesetzgebung oder Verwaltung für sich in Anspruch nehmen, unter den politischen Vereinen aufgeführt; zweifellos wird man einen Lehrer- oder Beamtenverein, der die Gestaltung der Rechts- und Anstellungsverhältnisse seiner Mitglieder im Staate zu erörtern und zu regeln sich zur Aufgabe gemacht hat, zu den politischen Vereinen zählen! Wir wollen — das ist der wichtigste Theil unserer Aufgaben — den Gerichten und Behörden, dem Staate selber gegenüber unsere Gleichberechtigung wahren und verwirklichen, und das ist ein Akt politischer Thätigkeit. Wenn man uns politische Aufgaben abspricht, so verwechselt man politische Thätigkeit mit parteipolitischer Thätigkeit. Parteipolitisch sind wir nicht, so wenig wir parteireligiös sind; durch unsere parteipolitische Indifferenz unterscheiden wir uns von Wahl-, Bürger- und Bezirksvereinen. Wir bilden selbst keine Partei und sind auch nicht ein Anhängsel irgend einer Partei, irgend einer Fraktion. Parteipolitische Zwecke, d. h. Zwecke, welche diejenigen Parteien verfolgen, die in den Parlamenten organisiert und gruppiert sind, sind uns fern; wir haben kein parteipolitisches Programm. Die Mahnung, wir sollten uns nicht mit einer Partei identifizieren, würde berechtigt sein, wenn wir uns identifizierten. Aber mit welcher der Parteien haben wir uns identifiziert? Etwa mit der freisinnigen Vereinigung oder mit der Volkspartei? Gerade wenn man unser Verhalten in Posen unserem Verhalten in Berlin gegenüberstellt, so wird Jeder, der ehrlich ist, uns zugestehen müssen, daß wir in dem Kampfe der Parteien gegeneinander selbst nicht Partei genommen haben. Wie waren die Verhältnisse in Posen? In Posen stand der Volkspartei, die bisher den Wahlsitz gehabt hat, das geschlossene Kartell der Deutschen von der konservativen Partei bis zur frei-