Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Konfessionelle Kandidaturen
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 609 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Konfessionelle Kandidaturen. 609 Gewissen allein ist die Richtschnur unseres Handelns, und dafür, vaß unser Gewissen nicht einschläft, sorgen unsere guten Freunde, unsere eigenen Glaubensgenossen am allerbesten. Am 14. oder 15. Oktober haben wir offen unter der Flagge des Central-VereinS deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die freisinnigen Urwähler des ersten Berliner Landtagswahlbezirks aufgefordert, in der Urwählerversammlung zu erscheinen. Diese Einladung war am 14. oder 15. Oktober in die Welt gegangen, und schon der kommende Morgen brachte uns drei Austrittserklärungen. „Ich halte es für völlig unzulässig, daß der Central- Verein Politik treibt und sich an der Wahl betheiligt," hieß es in dem einen Schreiben; „Ihr seid kein politischer Verein, ihr habt Euch mit der freisinnigen Partei nicht zu identifizieren," so hieß es im zweiten Schreiben. Das dritte Schreiben warnte uns vor „konfessionellen Kandidaturen!" Damit waren die Schlagworle da, diese Schlagworte, die nachher eine so große Begriffsverwirrung angerichtet haben; es wird Roth sein, sie einzeln zu prüfen, damit wir in Zukunft vor dem bewahrt bleiben, was uns in dieser Wahlkampagne leider nicht erspart geblieben ist. Man hat gesagt, wir seien kein politischer Verein, wir hätten mit den Wahlen nichts zu thun, wir sollten uns nicht mit einer Partei identifizieren. Das war der Standpunkt der einen Gruppe. Eine zweite Gruppe hatte nichts dagegen, daß wir uns an den Parlamentswahlen betheiligten, — aber um Gottes willen sollten wir keinen Juden aufstellen, keine konfessionelle Kandidatur in die Welt setzen. Die Männer der ersten Gruppe meinten, wir seien kein politischer, sondern ein religiöser Verein; in einer Versammlung Moabiter Urwähler ist ein biederer Mann aufgetreten, der, als er hörte, für den einen Kandidaten interessiere sich der Central- Verein, ganz erregt ausrief: „Ich will keinen Mann von einer jüdischen orthodoxen Sekte, ich würde einen Mann von einer christlichen orthodoxen Sekte auch nicht wollen!" Was sich dieser Mann wohl unter unserem Central-Verein gedacht hat, ob er ihn mit dem Central-Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde verwechselt hat! wer kann es ergründen! er wird wohl sich überhaupt nichts gedacht haben. Weniger harmlos war die Acußerung eines Mannes, der sowohl in der Versammlung frei* 47*