Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Konfessionelle Kandidaturen
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 608 (sequence 2)
- Language
- German
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608 Im deutschen Reich. erstanden, die Worte „politisch", „religiös", „konfessionell", „jüdisches Centrum", „jüdischer Freisinn", „Sonderrechte", „Sonderverein", „Privilegien", — haben einen wahren Hexen - sabbath von Begriffsverwirrungen gefeiert, von der Parteien Gunst und Haß verwirrt schwankte unser Charakterbild in der Geschichte; die Bewegung, welche die Geister und die Gemüther ergriffen hat, ist so groß gewesen, daß es Roth thut, jetzt, da die Wahl vorüber ist, zu sammeln, eine Inventur der Thatsachen vorzunehmen und die Bilanz zu ziehen. Und damit man uns nicht nachsagt, wie man es uns schon einmal vor Jahren nachgesagt, daß wir in beneidenswerther Harmlosigkeit Erfolge da sehen, wo sie ein Anderer nicht sieht, so werde ich das Urtheil, ob unser Vorgehen richtig, unser Mühen ersprießlich gewesen ist, Ihnen selbst überlasien. Wir haben in Posen sondiert und in Berlin agitiert, und wie zu erwarten, hat man uns den Vorwurf gemacht, daß wir in Posen zu viel sondiert und zu wenig agitiert und in Berlin zu viel agitiert und zu wenig sondiert hätten. Man hat uns von Posen aus vorgehalten, wenn wir dort nicht als Juden für den jüdischenKandidaten des konservativ-nationalliberal-deutschfreisinnigen Kartells einträten, würden wir Wasser auf die Mühlen der Antisemiten gießen. Und man hat uns hier in Berlin den Vorwurf gemacht, daß. wenn wir als Juden für einen jüdischen Kandidaten der Volkspartei einträten, wir Wasser auf die Mühlen der Antisemiten gießen würden. Meine Herren! Dieses Drohwort: „Waffer auf die Mühlen der Antisemiten gießen" hat längst bei uns seine Schrecknatur und seine Zauberkraft verloren; denn Alles ist Wasser auf die Mühlen der Antisemiten. Ob die Juden konservativ oder sozialdemokratisch, ob sie freisinnig oder nationalliberal wählen, sie werden es niemals recht thun; mit den Schlagworten: „jüdischer Streber", „jüdischer Plutokrat", „jüdischer Umstürzler" werden die Gegner immer bei der Hand sein. Mir fällt das Wort des Grafen Mirbach ein, daß die Antisemiten es den Juden verargen, wenn diese Geld zu evangelischen Kirchen geben und es ihnen erst recht verargen, wenn sie es nicht geben. Wer im politischen Leben sein Thun und Handeln nach dem Gefallen der Gegner einrichtet, den wird man mit Recht einen Einfältigen schelten. Unser Wiffen und unser