Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 11 (November 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-11-01
- Page
- 580 (sequence 9)
- Language
- German
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580 3m deutschen Reich. dieser Diener, sondern auch Dr. Müller und die Wärterin Pecha erlagen nach schwerem Leiden der furchtbaren Krankheit. In der widerlichsten Weise wurde das traurige Vorkommniß von den Antisemiten zu einer Hetze gegen die an dem verunglückten Experiment mit der Pestbazillen-Kultur völlig unbetheiligten jüdischen Aerzte ausgeschlachtet und von den Abgeordneten Gregorig und Schneider zum Gegenstand einer Interpellation gemacht, deren Fassung die ohnehin beunruhigte Bevölkerung , noch mehr aufzuregen geeignet war. Der Unterrichtsminister erklärte in der Beantwortung der antisemitischen Interpellation, daß die Vorstände der bakteriologischen Institute alle erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen hätten, daß aber bei wissenschaftlichen Versuchen, welche das Wohl der ganzen Menschheit bezwecken, manches unternommen werden müffe, was mit Gefahren verbunden sei. Lebhaften Beifall erregten die Schlußworte der ministeriellen Erklärung: „Wenn wir denjenigen, der den Sieg in einer solchen Frage erringt, preisen, seien wir nicht gar zu unnachsichtig gegen das Mißgeschick, gegen welches die menschliche Vorsicht sich als unzureichend erwies, und zerbrechen wir nicht selbst die Waffe, die einzig und allein den Sieg in diesem Kampfe ermöglicht." — Das Ministerium Thun entwickelt überhaupt im österreichischen Abgeordnetenhause eine bemerkenswerthe Energie, mit welcher selbst Lueger rechnen zu müssen glaubt. Als der bekannte deutsch-nationale Abg. Schönerer am 5. November den Antrag auf Versetzung des Ministeriums in den Anklagezustand begründete und dabei den Justizminister heftig angriff, wies Graf Thun diese Aeußerungen schneidig und mit offenbarer Verachtung zurück. Das sensationelle französische Drama „Der Verbannte auf der Teuselsinsel" ist noch zu keinem Abschluß gelangt, aber es ist doch jetzt wenigstens gegründete Aussicht vorhanden, daß der Ausgang kein tragischer sein wird. Die überraschende Episode, daß der Kriegsminister Chanoine sich urplötzlich in der Kammer als Dreyfus- Gegner entpuppte und durch seine ohne vorherige Benachrichtigung seiner Ministerkollegen abgegebene Rücktrittserklärung den Sturz des Ministeriums Brisson herbeiführte, war von den französischen Generalstäblern zu spät inszeniert, um den Antisemiten noch wesentliche Vortheile zu bringen. Bald darauf trat der Kassationshof zusammen, erklärte das Verlangen nach der Revision des Dreyfus-Prozesses, für berechtigt und erkannte die Verpflichtung an, eine ergänzende Untersuchung über die in Frage stehende Rechtsursache vorzunehmen. Daß die oberste richterliche Instanz in Frankreich die Zweifel an der Gerechtigkeit des kriegsgerichtlichen Unheils über den unglücklichen