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Im deutschen Reich · 1898-11-01 · Heft 11 (November 1898) · p. 574

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 11 (November 1898)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1898-11-01
Page
574 (sequence 3)
Language
German
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574 3m deutschen Reich. der Vertretung daS Judenthum immer mehr von dem numerisch ihm unendlich überlegenen Volksthum isoliert wird, innerhalb dessen eö lebt. Eine Lockerung der bisher noch innigen Verbindung zwischen Freisinn und Judenthum könnte die Stellung des letzteren im deutschen Volksbewußtsein nur heben. Dann würde der Nuf, den wir in dieser Wahlzeit immer wieder an die Urwähler in Stadt und Land ergehen lassen, auch von dem Judenthum nicht als gegen seine Interessen gerichtet angesehen werden, der Nuf: „Wählt die Wahlmänner der gegen den Freisinn geeinten Parteien!" — Die Juden sind diesem Lockruf nicht gefolgt, weil sie intelligent genug waren^ einzusehen, daß die freisinnigen Parteien jede Existenzberechtigung verlieren würden, wenn sie nicht mit Herz und Hand für die Gleichberechtigung aller Religionen eintreten würden, daß aber sogar die nicht auf das antisemitische Tivoli-Programm eingeschworenen konservativen Politiker unduldsam sind, weil sie aus der Stahl'schen Sackgasse des „christlichen Staates" sich nicht heraussinden können. Das Judenthum verpflichtet keinen seiner Bekenner für ein politisches Programm; der deutscheJude ist im politischenLeben nur ein Deutscher wie jeder andere und nur als solcher wählt er sich die Partei aus, der er sich anschließen will! Aber selbst derjenige, in dem ein starker konservativer Zug vorhanden ist, wird sich von einer politischen Fraktion fernhalten, die in ihm nur einen auf deutschem Boden geduldeten Gast erkennt. Diese religiöse Unduldsamkeit ist ein von der „Schles. Ztg." nicht erkannter schwerer politischer Fehler der Konservativen, welcher den liberalen Fraktionen künftig noch mehr zu. statten kommen wird, wenn sie daraus die rechte Lehre ziehen. Wiederholt ist von antisemitischer Seite versucht worden, den Judenhaß auch in das freisinnige Bürgerthum hineinzutragen und damit zugleich dem mit dem Antisemitismus völlig unvereinbaren Liberalismus den Lebensfaden abzuschneiden. Mit kräftigen Worten brandmarkte u. A. die „Voss. Zeitung" einen derartigen Versuch, die Liberalen im dritten Berliner Wahlkreise zur Wahlenthaltung zu bestimmen, einen Versuch, der offenbar den Zweck hatte, die Wahl der Herren Pretzel und Ulrich zu fördern. Es wurde nämlich in diesem Wahlkreise ein Flugblatt mit der Anrede: „Liberale Mitbürger!" und der Unterschrift: „Ein Stammtisch liberaler Bürger" verbreitet. Von diesem Flugblatte, welches die „Voss. Ztg." als „ein jammervolles a n t i s e m i t i s ch e s M a ch w e r k" bezeichnete, sagte das liberale Organ: „Es heißt in dem Flugblatt, daß der Rückgang der liberal-freisinnigen Partei seit der Zeit datiere.

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