Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 11 (November 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-11-01
- Page
- 575 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 575 „wo das Judenthum sich an unsere Rockschöße gehängt hat". Wie albern dieseBehaupLungist, ergiebt derRückblick auf die Vergangenheit, wo Männer wie Johann Jacoby, Laster, Bamberger Abgeordnete waren, während im letzten Landtag wie im letzten Reichstag die freisinnige Partei nicht ein einziges jüdisches Mitglied zählte. Gleichwohl behauptet der dunkle Ehrenmann, der das Flugblatt verfaßt hat, daß der Einfluß der Juden sich immer mehr und mehr steigere. Aber, so sollte man fragen, sind denn die Herren Virchow und Knörcke, die freisinnigen Kandidaten im dritten Wahlkreise, Juden? Das ganze Flugblatt ist so abgeschmackt, daß es bei jedem gesitteten Menschen höchstens eine Wirkung haben kann, die den Herren Virchow und Knörcke günstig ist. Beiläufig widerspricht das Flugblatt und seine Verbreitung den gesetzlichen Bestimmungen, da Verleger und Drucker nicht angegeben sind. Schämte sich der Drucker, seinen Namen unter das Machwerk zu setzen? Das saubere Wahlmanöver hat seinen Zweck verfehlt; in sämmtlichen vier Berliner Wahlkreisen sind freisinnige Männer gewählt worden, und die jüdischen Wähler haben sowohl in Berlin wie anderwärts bewiesen, daß ihre politische Ueberzeugung ihnen sogar mehr galt als der Wunsch, in dem preußischen Landtage ihre Religionsgemeinschaft durch einige sach- und fachkundige Glaubensgenossen vertheidigt zu wissen. Um so erfreulicher ist es, daß trotzdem zwei verdiente Bürger jüdischen Glaubens Sitz und Stimme in der Volksvertretung erhielten, Dr. Max Hirsch, der im ersten Berliner Wahlkreise, und LandgerichtsrathPeltasohn, der im Kreise Znin-Mogilno-Wongrowitz gewählt wurde, während der „Vater des Antisemitismus", A d o l f Stöcker, kein Mandat errang und der antisemitische Kandidat Liebermann vonSonnenbergim hessischen Wahlkreise Homberg-Ziegenhain durchfiel. Die Freude über diese beiden gegnerischen Niederlagen wird sehr wenig dadurch getrübt, daß Ludwig W ern e r, der in: hessischen Kreise Hersfeld-Rotenburg gewählt wurde, als der erste „reine Antisemit" in das Haus der preußischen Abgeordneten einzieht, denn dieser Erfolg der radikalen Antisemiten ist unter Umständen . erzielt worden, welche die Konservativen belehren, daß der Antisemitismus ihre Machtstellung systematisch untergräbt. Selbst die judenseindliche „Kreuz-Ztg." erkannte dies mit den Worten an: „Natürlich müssen die Konservativen, wie gewöhnlich, die Kosten dieser neuen Errungenschaft tragen." Des Vergnügens, dem „Rektor aller Deutschen" Hermann A h I w a r d 1 Diäten zu zahlen, bleibt die Quästur des Abgeordnetenhauses beraubt, weil die von ihm so sehr gerühmte goldene Treue 45