Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 11 (November 1898)
- Article
- Am Ende des Jahrhunderts
- Date
- 1898-11-01
- Page
- 558 (sequence 16)
- Language
- German
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558 Im deutschen Reich. müssen, daß in dem Blutprozeß gegen Buschhoff der Staatsanwalt sich dazu verstand, wissentlich die Anklage gegen einen Unschuldigen zu erheben mit der Motivirung, ihn endlich den antisemitischen Hetzereien zu entziehen, — eine Handlungsweise, die absolut ungesetzlich ist, ein Experiment der gefährlichsten Art, einen unschuldigen Mann vor ein Geschworenengericht zu stellen, dessen Verdikt doch immerhin zweifelhaft und unberechenbar ist. Wir sehen, wie seitens der Regierung der antisemitischen Bewegung fortwährend Konzessionen in der Besetzung der Aemter und Stellen gemacht werden, ja sogar in der Besetzung der Stellen der Notare. Es ist ein offenes Geheimniß, daß das Prinzip, welches der Hofprediger Stöcker aufgestellt hat, wonach nur nach Verhältniß der Bevölkerungszahl die Stellen besetzt werden sollen, vom Minister acceptiert ist, und es wird, dies, während früher derartige Dinge wenigstens abgeleugnet wurden, heute überhaupt nicht mehr in Abrede gestellt. Dasselbe sehen wir auf dem Gebiet der Schule. In unserer eigenen Vaterstadt haben wir es ja erlebt, wie die jüdischen Lehrerinnen zurückgesetzt und ausgeschlossen werden, und gerade derartige Thatsachen sind doppelt betrübend und doppelt befremdend. Denn wir würden es verstehen, wenn gegen die Auswüchse des jüdischen Kapitalismus Maßregeln getroffen würden — wir würden es ja nicht billigen, aber verstehen —; aber wie man sich gerade dagegen richten kann, daß die Juden oder Jüdinnen an der allgemeinen Bildung theilnehmen und sich nützlich machen in Staat und Gemeinde, das ist doppelt unverständlich. Auch unsere eigenen Kinder empfinden es, indem die Privat-Mädchenschulen immer mehr sich der Aufnahme der jüdischen Zöglinge verschließen. Gerade in unserem Stadttheil spielt es sich täglich unter unseren Augen ab, daß jenes Prinzip der Besetzung nach dem Verhältniß der Bevölkerungszahl auch bei der Aufnahme der Schülerinnen Anwendung findet, und den Eltern und Kindern damit die empfindlichste Kränkung widerfährt. Und je mehr Konzessionen gemacht werden, um so muthiger erhebt der Antisemitismus sein Haupt, und mit vollem Recht. Denn er sieht, welche Erfolge er hat. Ja, ich kann nicht umhin, zu bekennen, daß selbst in den Reihen derjenigen, die gute Liberale sind, diese Konzessionen Platz gegriffen haben. Die eigenthümliche Thatsache besteht, die für ein Kulturland Europas beispiellos ist, daß im gesammten