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Im deutschen Reich · 1898-11-01 · Heft 11 (November 1898) · p. 557

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 11 (November 1898)
Article
Am Ende des Jahrhunderts
Date
1898-11-01
Page
557 (sequence 15)
Language
German
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Am Lnde des Jahrhunderts. 557 Wir haben geglaubt, es sei ein vorübergehender Rückschlag, die Geschichte schreite vorwärts und man brauche nichts zu thun, man brauche nicht zu kämpfen, um dieser Bewegung entgegenzutreten. Leider haben wir gesehen, daßz es mit der politischen Aufklärung allein nicht gethan ist. Wenn auch vielleicht die religiöse Unduldsamkeit, die mit ein Faktor der antisemitischen Bewegung ist, nicht von Dauer sein wird und vor der Aufklärung zurückweichen muß, so bleiben die beiden anderen Elemente: das nationale und das wirthschaftliche Element, doch trotz der fortschrittlichen Entwickelung gleich gefahrdrohend und verhängnißvoll, und wir können nicht absehen, ob dasjenige, was religiöse Unduldsamkeit einst im Mittelalter zu Tage gefördert hat, nicht in der Zukunft nationaler und sozialer Haß zu vollbringen im Stande sein wird. Wir haben ja leider in allerjüngster Zeit diese traurige Beobachtung in einem Lande gemacht, von dem wir glaubten, daß seine Kultur längst über diese Fragen fortgeschritten sei. Wir haben geglaubt, daß der Antisemitismus das Gefühl einer zurückgebliebenen Kultur sei, daß er noch im Osten wurzele und, je weiter man nach Westen käme, desto mehr abnähme. Und doch haben wir erleben müssen, daß auch ein Land, welches so weit in der politischen Entwickelung und in der Entwickelung der Aufklärung so vorgeschritten ist wie Frankreich, noch einen Rückschlag in dem Antisemitismus zeitigen konnte. Der ungarische Minister Graf Andrassy hat einst über den Antisemitismus gesagt: Das Traurigste an der antisemitischen Bewegung sind nicht etwa die Hetzereien der Antisemiten selbst, sondern es ist die Furcht und die Nachgiebigkeit derjenigen Elemente, welche nicht wirklich Antisemiten sind oder sich nicht als Antisemiten bekennen, die aber glauben, dem Antisemitismus Konzessionen machen zu müssen. Und das ist gerade das Gefährlichste, was wir in unserer Zeit erleben. Wir würden die Begeiferungen eines Ahlwardt gewiß mit Lächeln hinnehmen, wenn wir nicht wüßten, daß selbst auf die unbefangenen' Kreise und selbst auf die maßgebenden Regierungskreise eine derartige Volksbewegung nicht ohne Einfluß ist. Wir haben ja gesehen, zu welchen Konzessionen auf den verschiedensten Gebieten dies geführt hat. Wir haben es erleben

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