Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 11 (November 1898)
- Article
- Am Ende des Jahrhunderts
- Date
- 1898-11-01
- Page
- 556 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316648-2323202--04612-2323271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
556 Im deutschen Reich. wegung von dem Bestreben ausgegangen sind, dem Liberalismus den Todesstoß zu versetzen, so wird uns dieser erste, einleitende Artikel der antisemitischen Bewegung klar: man hoffte, ein altes Vorurtheil benutzen zu können, um dem Liberalismus eine schwere Schädigung zuzufügen. Und noch eine andere Bewegung war mächtig hervorgetreten: die soziale Frage; sie war nicht mehr einzudämmen, und man bedurfte eines Gegengewichts, um die sozialistische Bewegung in ein anderes Geleise überzuführen. Der Haß gegen diejenigen Besitzenden, gegen welche der Haß im Volke leider noch immer mehr oder weniger versteckte Wurzeln trieb, sollte als Ableitung benutzt werden für die sozialistische Bewegung überhaupt. Aber freilich würde es eine sehr oberflächliche historische Betrachtung sein, wenn man glauben wollte, daß es allein einem Regierungsschachzug möglich war, eine so unheilvolle Bewegung in's Leben zu rufen. Drei Momente waren es hauptsächlich, die zusammenwirkten, um die antisemitische Bewegung zu solchen Dimensionen anwachsen zu lassen, drei Momente, die am Ende unseres Jahrhunderts von ganz besonderer Bedeutsamkeit sind. Zunächst der Rückschritt auf dem Gebiete der religiösen Duldung überhaupt gegen Andersgläubige, nicht nur gegen die Juden, dann aber vor allen Dingen der nationale Chauvinismus, der nach den Erfolgen des Jahres 1870 das deutsche Volk ergriffen hatte. Wir haben ja die traurige.Thatsache zu konstatieren, daß jedes Mal auf eine nationale Erhebung die Betonung des Raffenunterschiedes folgte, statt daß die Bewohner des Landes sich Eins hätten fühlen sollen in der Freude des Gelingens. Wir haben gesehen, daß nach den Freiheitskriegen im Jahre 1815 dieselbe nationale Bewegung den Antisemitismus der deutschen Burschenschaft gefördert hatte, und wir haben gerade bei den nationalen Bewegungen in unseren Tagen dieselbe traurige Erfahrung machen müssen. Und endlich drittens ist es ganz besonders, wie bereits erwähnt, die soziale Seite, die der Antisemitismus hervorkehrt, die das Hauptbewegungsmoment desselben ist. Wenn wir uns nun fragen: Sind die Gefahren so groß, wie wir es uns vorstellen, so wäre es verhängnißvoll, dieselben zu unterschätzen. Wir haben sie ja leider lange genug unterschätzt, wir sind lange genug unthätig auf diesem Gebiete gewesen.