Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 11 (November 1898)
- Article
- Am Ende des Jahrhunderts
- Date
- 1898-11-01
- Page
- 552 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Im deutschen Reich. zerstreut sich vielleicht durch den glücklichen Erfolg seiner Gewerbes, aber der jüdische Gelehrte ist auf die Vereinsamung mit seinem Schmerze angewiesen. Alle Voraussetzungen der Bildung sind bei ihm dieselben wie beim Christen, ja er kann durch wissenschaftliche Einsicht sogar vom Christenthum eine höhere Idee haben, als mancher christliche Gelehrte sie hat, und doch bleibt er ausgeschloffen von einer Wirksamkeit für das Allgemeine und muß, beschränkt auf seine Glaubensgenossen, eine Bitterkeit nähren, die seinem versöhnlichen Herzen vielleicht fremd geblieben wäre. Wie wenig ein Mann wie Treitschke historisch diese Bewegung des »jungen Deutschlands" versteht oder zu verstehen sich bemüht, das haben wir alle, die sein Werk gelesen haben, erfahren: oberflächliche Beurtheilung des „jungen Deutschlands", vollständige Verkennung der historischen Verkettung, in welcher sich dasselbe mit der ganzen Entwickelung des Jahrhunderts befindet. Aber Treitschke und seine Verfechter haben nicht einmal das Privilegium der Originalität bei diesen Angriffen; dieselben sind fast wörtliche Wiederholungen der Polemiken, die schon in jener Zeit gegen das junge Deutschland entwickelt wurden. Der preußische Hofrath Jarke und Wolfgang Menzel bekämpften in jenen Tagen fast genau mit denselben Worten, wie es durch Treitschke und Stöcker geschehen ist, die literarische und politische Bewegung des „jungen Deutschlands", welches damals schon höhnend das „neue Jerusalem" genannt wurde. Als im Jahre 1840 der Thronwechsel in Preußen erfolgte, da knüpften, wie so viele, auch die Juden ihre Hoffnungen an den neuen König. Friedrich Wilhelm IV, war ja im Anfänge seiner Regierung vollständig unberechenbar; er war ein Konglomerat der eigenthümlichsten Gegensätze von freiheitlichem Aufschwung und mittelalterlicher Romantik, und ganz dieselbe Stellung finden wir bei ihm auch in Betreff der Judenfrage. Aber diejenigen, welche gehofft hatten, daß die beschränkenden Gesetze, welche unter dem vorigen König noch auf dem Judenthum lasteten, nun gehoben werden würden, fühlten sich bald enttäuscht. Denn . die Worte, die der König beim Regierungsantritt gesprochen hatte: „Alle Konfessionen meiner. Unterthanen sind mir gleich heilig, ich werde alle ihre Rechte zu schützen wissen,"