Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1898-11-01 · Heft 11 (November 1898) · p. 546

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 11 (November 1898)
Article
Am Ende des Jahrhunderts
Date
1898-11-01
Page
546 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316637-2316648-2323202--04602-2323261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

546 Im deutschen Reich. traurig, zu konstatieren, daß es der französischen Fremdherrschaft Vorbehalten war, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Dalberg erleichterte als Fürstprimas des Rheinbundes zuerst die Stellung der Juden in Frankfurt, und eine Verordnung des Kaisers Napoleon vom Jahre 1810 befahl die Ablösung aller auf ihnen lastenden Bürden. Im Jahre 1811 wurde ihnen dann das volle Bürgerrecht ertheilt, das sie allerdings durch 440 000 Gulden erkaufen mußten, die sie an den Rath der Stadt Frankfurt zu zahlen hatten. Und nun ist es ergreifend, zu sehen (ich erwähne dies gerade, weil man den Juden Mangel an Patriotismus vorwirst), wie Börne, trotz der Segnungen, die die französische Fremdherrschaft den Juden in Frankfurt brachte, immer davon träumt und danach strebt, diese Fremdherrschaft abzuschütteln und die deutsche Stadt wieder selbstständig und frei zu machen. Als es gelungen war, da mußten die Juden freilich erkennen, wie viel trauriger ihr Loos unter deutscher Herrschaft war, als unter der französischen. Die Emanzipation der Juden wurde sofort wieder rückgängig gemacht, — nur das Geld, das die Juden an den Rath der Stadt Frankfurt bezahlt hatten, wurde nicht zurückerstattet, und Börne, dem es durch die Emanzipation vergönnt gewesen, sein Lieblingsstudium zu ergreifen und Jurist zu werden, wurde sofort, als die französische Herrschaft beseitigt war, wieder aus seiner Karriere herausgedrängt! Daß eine tiefe Bitterkeit das Gemüth dieses Mannes Zeit seines Lebens erfüllen mußte, wenn er an diese geschichtliche Entwickelung dachte, das ist wohl leicht zu verstehen. Die Hoffnungen, welche die Juden beseelt hatten, als sie in den Befreiungskampf gegen den fremden Unterdrücker zogen, als sie dort ihr Blut so gut wie die Andern vergossen, sie waren nicht erfüllt worden. Der Wiener Kongreß versuchte es zuerst, sich mit der „Judenfrage" zu beschäftigen, aber er gab sofort diesen Versuch wieder auf. Artikel 16 der Bundesakte proklamierte die Gleichberechtigung der christlichen Konfessionen; aber die bürgerliche Verbesserung der Juden und besonders der Genuß der bürgerlichen Rechte sollte nur gegen die Uebernahme aller Bürgschaften stattfinden, und die Bundesversammlung beschloß, diesen Gegenstand erst später in Berathung zu ziehen. Das war ein harter Schlag für die opferfreudigen Kämpfer, die den Tag ihrer Befreiung bereits herangebrochen wähnten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.