Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-10-01
- Page
- 515 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 515 darauf entsprechend Rücksicht zu nehmen, ob die einzutheilenden Kinder einer christlichen oder. der mosaischen Konfession angehören. Hierbei sei jedoch strengstens darauf zu achten, daß hieraus weder dem Bezirksschulfonds noch der Kommune irgend welche Mehrauslagen erwachsen". Gegen diesen ungesetzlichen Erlaß rief der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde die Entscheidung der obersten Nnterrichtsbehörde an. Die von dem Erlasie betroffenen jüdischen Familienväter beabsichtigen eine Masienpetition an den Unterrichtsminister zu richten. Der Bürgermeister Dr. Carl Lueger, der sich gern den „Herrn von Wien" nennen läßt, hat dieser Tage durch einen neuen Gewaltakt einen heftigen Sturm im Gemeinderath hervorgerufen. Den Anlaß bot die Vorlegung des von Lueger mit der englischen Gasgesellschaft abgeschlosienen Vertrages, durch den derselben die Beleuchtung der Wiener Vororte bis Ende 1911 überlassen werden mußte, während Lueger früher ankündigte, bis zum 31. Dezember 1899 müsse der letzte Engländer der Gasgesellschaft Wien verlassen. Ferner muß der Gesellschaft das ganze Rohrnetz sammt Laternen und Gasmessern in den Vororten Ende 1911 abgelöst werden, während sich gleichzeitig herausstellte, daß die neuen kommunalen Gaswerke 36 Millionen statt der präliminierten 30 Millionen kosten werden. Die Opposition ging hauptsächlich von der deutsch-nationalen Fraktion aus, die den christlich-sozialen Redner mit wüthendem Lärm unterbrach, während der Generalredner der liberalen Partei Dr. Vogler sachlich die Schädigung der Gemeinde durch den neuen Vertrag nachwies. Die Rede des klerikalen Advokaten Dr. Porzer wurde von den Deutschnationalen mit Trommeln auf den Pulten, Schreien und ironischem Applaus übertönt. Der Lärm steigerte sich noch, als Lueger das Wort ergriff. Mitten im stärksten Tumult ließ aber der Vize- Bürgermeister Strobach abstimmen und verkündigte, daß der Vertrag angenommen sei. Die mit Christlich-Sozialen dicht besetzten Galerien begrüßten dies mit dem Absingen des Lueger-Liedes. Die Lärmszenen setzten sich auf der Straße fort. Eine Gruppe von Gemeinderäthen wurde, als sie das Rathhaus verließ, von halbwüchsigen Burschen verfolgt und beschimpft. Derartige Vorfälle vermindern aber die Begeisterung der deutschen Judenfeinde für den antisemitischen Diktator Wiens nicht, auf den z. B. die „Staatsbürger-Ztg." als den Erretter Oesterreichs hinweist und von dem sie prophezeit „daß Lueger der Staatsmann der Zukunft ist, berufen, das Staatsschiff wieder in das richtige Geleise zu bringen". Vergleicht man das Treiben der deutschen und österreichischen Judengegner mit demjenigen ihrer französischen Gesinnungs- 40