Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-10-01
- Page
- 516 (sequence 11)
- Language
- German
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616 Im deutschen Reich. genossen, dann erklärt man sich den scheinbaren Widerspruch, der in der Behauptung des Lyoner Sendlings Gutton zu liegen scheint, daß der Antisemitismus einerseits stramm national, andererseits „im besten Sinne" international sei. Im besten Sinne der Franzosen ist es freilich, wenn ihnen gegenüber die bayerischen Antisemiten sich zu „internationalen" Gesinnungen bekennen, während die französischen Judengegner selbst sich als „stramm national" erweisen und ihren tiefeingewurzelten Fremdenhaß nur deshalb zunächst an den Juden auslassen, weil sie dafür keine Züchtigung zu befürchten haben. Am 12. September sah man an den Pariser Anschlagsäulen große rothe Plakate, welche die Unterschrift „Antisemitischer Jugendbund" trugen. Der Text dieser Anschläge enthielt eine Warnung vor der Revision des Dreyfus-Prozesses, welche Frankreich in einen Krieg verwickeln werde, und die Aufforderung an die Pariser Bevölkerung, d i e Juden und die Ausländer zu vertreiben. Mit großer Beharrlichkeit bekämpft man in Frankreich noch immer die Revision des Dreyfus-Prozesses und möchte weit eher denselben annulliert sehen, um über die ganze Sache Gras wachsen zu lassen. Für das Gefühl der Rechtssicherheit in Frankreich wäre dies der denkbar ungünstigste Ausgang der unglücklichen Geschichte, und die französischen Antisemiten erweisen ihrem Vaterlande den schlechtesten Dienst, wenn sie die Regierung in diese Sackgasse treiben. Dadurch würden sie nur die von den Revisions-Anhängern verdächtigten Heerführer dazu ermuntern, den Heldenmuth, den ihnen das Ausland doch nicht mehr zutraut, an ihren friedlichen Mitbürgern zu erproben. Der Ausstand zahlreicher Arbeiter, durch den die Arbeiten für die Pariser Weltausstellung verzögert und viele Ausschreitungen veranlaßt werden, könnte ihnen dazu die erwünschte Gelegenheit geben. Die Drumont und Konsorten machen gar kein Hehl daraus, daß sie einen Staatsstreich herbeisehnen; sie wären keine rechten Antisemiten, wenn sie nicht die Anarchie beförderten. Wer sie nicht kennte, die Elemente, welche den deutschen Judenfeinden als vielbewunderte Vorbilder dienen! A. L.