Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-10-01
- Page
- 508 (sequence 3)
- Language
- German
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608 3m deutsche» Reich. gesetzt habe! Niemals haben die Juden den Umsturz befördert wie diejenigen, welche ihre Mitbürger zum Verfaffungsbruch und zu Gesetzwidrigkeiten anreizen; wohl aber ist fast jeder Rev o l ut i o n eine Judenverfolgung vorausgegangen als sicheres Anzeichen morscher staatlicher Verhältnisse und trauriges Vorzeichen des nahe bevorstehenden Zusammenbruchs, der vermieden werden konnte, wenn die Staatslenker sich hätten rechtzeitig warnen lassen. In den meisten Fällen waren diese superklugen Herren aber verblendet genuK. die Judenhetze für einen willkommenen Ableiter der Unzufriedenheit zu halten. Die Opferung der „Prügelknaben" machte jedoch die Wühler nur kühner, die es stets auf nichts Geringeres abgesehen hatten, als die Herrschaft an sich zu reißen. Denselben Staatsleitungen, welche an dem Prinzip des „christlichen Staats" fester halten, als an dem klaren Wortlaut der Verfassung, welche sogar im Verwaltungswege vielfach die Hoffnungen vereitelten, zu welchen das Gesetz vom 3. Juli 1869 die Staatsbürger jüdischen Glaubens berechtigte, sagte Wilhelm Pickenbach nt der erwähnten Rede trotzdem nach, sie stünden dem Eindringen der Juden in alle Gesellschaftskreise blind gegenüber und bevorzugten die Juden zum Nachrheile des gesammten deutschen Mittelstandes. Derartige gehässige und aufreizende Nachreden könnten dazu dienen, die Gewerbetreibenden, die über manche auf ganz andere Ursachen zurückzuführenden wirthschaftlichen Mißstände arg verstimmt sind, leicht mit argem Mißtrauen gegen die Staatsverwaltung zu erfüllen und die Zahl der Unzufriedenen in gefahrdrohender Weise zu vermehren, wenn nicht glücklicher Weise der Kern des deutschen Mittelstandes doch durch und durch gesund wäre und wenn nicht der deutsche Handwerker besser als mancher angebliche Dolksbeglücker wüßte, wo ihn der Schuh drückt! Die bevorstehenden Landtagswahlen werden hoffentlich zeigen, daß dies der Fall ist und die bürgerlichen Kreise in letzter Zeit mehr und mehr darüber klar geworden sind, daß die dem Mittelstände von den Antisemiten verheißenen goldenen Berge unerreichbar sind, und daß durch die Vermehrung der Zwietracht das friedliche Zusammenarbeiten aller Bevölkerungsschichten und damit der Aufschwung der geschäftlichen Verhältnisse in bedenklichster Weise gehemmt wird. Wenn die „Köln. Ztg." recht unterrichtet ist, verspüren jetzt selbst die strenggläubigen Bielefelder Konservativen geringe Lust, Herrn Adolf Stöcker zu einem Mandat zu verhelfen. Auch im Wahlkreise Minden-Lübbecke, wo er 1893 erst im dritten Wahlgange mit nur 8 Stimmen den liberalen Gegenkandidaten Schüke verdrängte, sollen seine Aussichten diesmal keine günstigen