Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- Friedrich der Zweite [Rezension]
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 479 (sequence 2)
- Language
- German
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forscht er in dem Buche der Natur, und unter seinen' christlichen Rathgebern fragt er nicht, ob sie strengeren oder freieren Anschauungen huldigen, wenn sie ihm pur die Treue halten. Seinem Herzen stehen Alle gleich nahe. Das gleiche Recht soll jedem Menschen werden. Das ist des Kaisers vornehmstes Gebot! Doch dieser Grundsatz erregt den Zorn des Papstes. Süditalien ist von Sarazenen bevölkert: sie sollen aus Europa verschwinden, so gebietet es die Kirche. Aber dieser Forderung setzt der Kaiser den festen Willen entgegen, die Anmaßung der Kirche zurückzuweisen, das Gebäude Roms zu zerschmettern. In seinen Augen haben sich die alten Formen des Glaubens überlebt. (Was braucht der Mensch die römische Klerisei? In uns wohnt Gott, die Religion ist frei!) — Nom erklärt den Krieg, die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln sind für den Papst schnell gewonnen, in Deutschland soll der Aufruhr entfacht werden — bei wird dem Kaiser unerwartet Hülfe. Dem jungen sarazenischen Heerführer S e l i m ist es gelungen, den Wittelsbacher Otto vonBayern, der, obwohl des Kaisers Jugendfreund, gegen ihn die Waffen erhoben, zu versöhnen und dem Kaiser zuzuführen. Nun werden Süd und Nord sich die Hände reichen und dem starken Nom den Fuß auf den Nacken setzen. Der Kaiser will Selim für sein Werk belohnen, und da er entdeckt, daß des Jünglings Herz in Liebe erglüht, so will er sein Freiwerber sein. Selim giebt sein Geheimniß preis: er liebt Gertraud, des Kaisers Tochter, der S a r a z e n die C h r i st i n. Der Kaiser steht vor einem schweren Konflikt. Wenn er die Tochter einem Moslem giebt, sagt er sich los von Bibelspruch und Kreuz und wirft nicht nur Rom den Fehdehandschuh hin, sondern beleidigt auch die ganze gläubige Welt in ihren heiligsten Lehren. Papst Jnnocenz wird nicht zögern, den Bann auf ihn zu schleudern, der Kampf wird schwer sein und grausig wird der Unterliegende ihn büßen. Aber grade dieser schwere Kampf reizt den Kaiser. Denn wenn er siegt, dann wird die Welt von jedem Dogma frei, und allen Menschen steht der Himmel offen. Er verspricht Selim seine Tochter. In Ravenna soll das Verlöbniß gefeiert werden. Gertrauds junges Glück nimmt schnell ein Ende. Otto von Wittelsbach, der eben wiedergewonnene Freund und Bundesgenosse, hält selbst um ihre Hand an, sie weist ihn zurück und folgt dem Sarazenen, dem Friedrich auch jetzt sein Wort nicht brechen will. Otto löst den Bund, und mit ihm verlassen den kaiserlichen Ketzer alle bis auf wenige Getreue. Friedrich's Schicksal ist besiegelt. 37