Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 452 (sequence 7)
- Language
- German
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452 Im deutschen Reich. welchen die Antisemiten den Kampf hauptsächlich mit ihren ehemaligen konservativen Gönnern ausfechten müsien, ohne daß sie unter dem Dreiklassensystem auf besonders günstige Aussichten rechnen dürfen. Im Jahre 1893 find in Berlin für die von den Konservativen unterstützten antisemitischen Kandidaten Dr. Bachler und Reh nur 176 bezw. 184 Stimmen abgegeben worden, in Flatow-Deutsch-Crone für HanS von Mosch und Schnutz nur 15 bezw. 16, in Arnswalde-Friedeberg für Dr. Förster 72, in Schivelbein-Dramburg für Rens 15, in Neustettin-Belgrad für Dr. Förster 38, in Hofgeismar-Wolfhagen für Dr. König 19, in Eschwege - Schmalkalden für Leuß 10, in Notenburg- Hersfeld für Werner 63, in Homburg - Ziegenhain für Liebermann von Sonnenberg 87, in Kirchhain - Frankenberg für Dr. Böckel 48, in Marburg für Dr. Böckel 16, in Biedenkopf für Hirsche! 33 und in Lennep-Solingen für Lenz, Hagenkötter, Dr. König 54, 58 und 35 Stimmen. Da die Antisemiten, in richtiger ErkeniVniß der hohen Bedeutung der Landtagswahlen, alle Hebel in Bewegung setzen werden, um diesmal günstiger abzuschneiden, sollten die Gegner der antisemitischen Wähler ihrem Treiben überall die größte Aufmerksamkeit widmen. Als auf dem XIV. Vereinstag des Verbandes der landwirthschaftlichen Genossenschaften Deutschlands Dr. Havenstein - Bonn für die Central-Genossenschastskasse die Erhöhung des Zinsfußes auf 4 pCt. empfahl, trat ihm Major von Endell-Kiekrz entgegen und meinte, im Osten Deutschlands könne der Landwirth nicht mit dem Prinzip der Selbsthülfe auskommen; er brauche staatliche Unterstützung, um aus den Judenhänden herauszukommen. Was heißees denn groß, wenn der preußische Staat 300 Millionen für diesen Zweck aufwende. Bei dieser Stimmung in den Kreisen der Agrarier ist es nicht unmöglich, daß der Bund der Landwirthe die antisemitische Agitation bei den Landtagswahlen fördert! Für den verhängnißvollen Einfluß, welchen die antisemitische Volksverhetzung auf das gesammte Staatsleben ausübt, liefert die politische und wirthschaftliche Entwickelung in O e st e r r e i ch ein warnendes Beispiel. Nachdem die Macht des deutschen Elements durch die Verdrängung der Israeliten aus den vordersten Reihen der Vertheidiger des Deutschthums und durch die weitere Zersplitterung der letzteren durch den Zwist zwischen Deutsch-Nationalen und Christlich - Sozialen bedeutend herabgemindert worden, hat der Antisemitismus auch noch in der ezechischen und galizischen Bevölkerung so zerrüttend gewirkt, daß die eisleithanischen Staatsmänner sich ohne hinreichende sichere Stützen fühlten. Unter solchen Umständen war es unschwer vorauszusehen, daß das Ergebniß der österreichisch-ungarischen Ausgleichsverhandlungen